Impulse für den Weg in die Zukunft

Nach der am Mittwoch in Stuttgart vorgestellten Erhebung des Instituts PRAGMA wünscht sich die Mehrheit der insgesamt 4.000 Befragten eine offene, tolerante und kommunikationsfähige Kirche, die sich gesellschaftlich einmischt. Zudem will die Mehrheit katholische Gemeinden als Orte sozialer und geistlicher Heimat, in denen personale Nähe spürbar ist. Radikal-konservative Aktivisten stellen laut Studie lediglich eine Minderheit dar.

Anlass der Untersuchung waren die seit rund 20 Jahren anhaltend hohen Austrittszahlen. Sie waren 2010, als die Fälle sexuellen Missbrauchs der zurückliegenden Jahrzehnte bekannt wurden, mit 15.650 Austritten und damit 50 Prozent mehr als im sonstigen Jahresdurchschnitt besonders hoch. „Jeder einzelne Austritt schmerzt, schwächt er doch unsere Glaubensgemeinschaft und unser Glaubenszeugnis“, betonte Generalvikar Clemens Stroppel bei der Vorstellung der Studie. Die Erhebung sei ein Beitrag zu dem in der Diözese laufenden Dialogprozess.. Es gehe darum, so der Generalvikar, zur Kenntnis zu nehmen, „was istund nicht, was wir meinen und wünschen und zufällig zu hören bekommen“. Das sei die Voraussetzung für eine nachhaltige Erneuerung.

Der Studie zufolge haben drei von vier Katholiken sich noch nie ernsthaft mit dem Gedanken getragen, aus ihrer Kirche auszutreten. Umgekehrt tat dies allerdings jeder vierte Befragte. Ein hohes Risikopotenzial sei dies, betonte Bischof Gebhard Fürst. Die Kirche habe sich von vielen Menschen entfernt mit der Folge einer Entfremdung. Jeder Dritte nannte dieses Motiv, während finanzielle Gründe mit 15 Prozent eine untergeordnete Rolle spielen. 14 Prozent gaben die katholische Moral- und Sittenlehre als Grund einer Entfremdung an, 12 Prozent die Fälle sexuellen Missbrauchs.

Etwa neun von zehn Interviewten wünschten, die Kirche solle sich weniger abgehoben äußern. „Wir sind als Kirche also dringend aufgefordert, unseren Kommunikationsstil weiter zu entwickeln“, konstatierte der Bischof. Die hoch angesetzten Werte wie Offenheit und Toleranz bestätigten den Kurs weltoffener Katholizität, der ein „Qualitätsmerkmal“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart darstelle. Als positiv vermerkte der Bischof außerdem den vielfach geäußerten Wunsch nach einer gesellschaftlich aktiven Kirche, die in ethischen Fragen Orientierung gibt.

Ein Weg in ein selbst gewähltes Ghetto verbiete sich, so der Bischof. Vielmehr müsse sich die Kirche noch mehr einmischen und mehr menschliche Nähe ermöglichen. So dürften Seelsorgeeinheiten „nicht zu anonymen Großorganisationen werden.“ Um auf dem Weg zu einer wie von der Studie beschriebenen Gestalt der Kirche voranzukommen, bedürfe es intensiven Dialogs auf allen Ebenen: „Wir können nicht alles auf einmal machen, sondern müssen Schritt für Schritt vorangehen.“

Hinweis: Bei Fragen zur Studie wenden Sie sich bitte an Cäcilia Branz, Telefon (0711) 9791-2703, cabranz(at)bo.drs.de

Die Studie wurde erstellt im Auftrag der Diözese Rottenburg Stuttgart von PRAGMA – Institut für empirische Strategieberatung, Kaiserpassage 11, 72764 Reutlingen, Telefon (07121) 988 53 34.

Uwe Renz