In Stürmen der Veränderung nicht Mauern bauen, sondern Windmühlen

Zum zweiten Mal hat sie unter dem Titel „Blickwechsel“ Mitarbeitende aus allen Seelsorgsdiensten zu einer Tagung über Zukunftsperspektiven der Pastoral eingeladen - in diesem Jahr mit der Themenstellung: „Missionarisch Kirche sein in der Vertrauenskrise“. Rund 200 Pfarrer, Pastoralreferentinnen und –referenten, Gemeindereferentinnen und –referenten, Diakone, Leitungsverantwortliche und Mitarbeitende des Bischöflichen Ordinariats nahmen auf der Liebfrauenhöhe in Rottenburg-Ergenzingen am 16. und 17. Mai an der Veranstaltung teil. Referenten waren Hubertus Schönemann, Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Erfurt, der seinen Vortrag zu „Konkret werden – pastoraltheologischer Blickwechsel“ mit dem eingangs zitierten Sprichwort abschloss. Ebenso Bischof Gebhard Fürst mit seinem Referat „Warum ich als Bischof auf die missionarische Kirche setze“ und der Theologie und Publizist Gotthard Fuchs, Wiesbaden, der die These begründete: „Ohne Mystik keine Mission. Zur Neu(er)findung von Kirche“.

Die Vision einer missionarischen Kirche sei kein Rezept, betonte Bischof Fürst, sondern deute einen Weg an, den die Kirche als „pilgernde Kirche“, als „Kirche unterwegs“ gehen müsse. Sie sei ein „Work on progress“, eine Zielsetzung, sich sich fortschreitend verwirkliche. Der Gestaltwandel, den die Kirche derzeit unter dramatischen Vorzeichen erlebe, sei über ihre ganze Geschichte hinweg eine ständige Herausforderung. Reformprozesse seien keine kurzfristigen Angelegenheiten, sondern langfristige Entwicklungen mit einer inneren Dynamik der Veränderung, die Geduld und langen Atem benötigten, aber auch Beharrlichkeit, so der Bischof. Immer gehe es um die alte und stets neue Frage: „Wie kommen wir so zu den Menschen, dass sich die befreiende Botschaft Jesu Christi in ihnen entfalten kann?“ Wichtig seien dafür „Primärerfahrungen“, menschlich überzeugende Begegnungen. „Den Menschen im Geist des Evangeliums nahe zu sein“ habe „seine eigene missionarische Wirkung“, unterstrich Bischof Fürst. Das setze auch voraus, dass Menschen zu eigenständigen Lebens- und Glaubensentscheidungen fähig seien und sich der „Außengelenktheit des Man“ entgegenstellten. Eine recht verstandene missionarische Kirche müsse „neuen und großen Wert“ legen auf die „Eigenständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und Mündigkeit getaufter und gefirmter Christen“. Glaube lasse sich nicht durch Dekrete vermitteln, sondern nur durch das glaubwürdige Beispiel mündiger Menschen.

Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust präge derzeit das Bild, das die Kirche abgebe. Sie sei zerrissen, und oft sei nicht mehr „drin, was drauf steht“, monierte Bischof Fürst. Das Bild, das die Kirche nach außen abgebe, spiegle ihren inneren Zustand. Es müsse wieder Wagnis und mutiges Experiment geben und die Bereitschaft, Gelingendes fortzuführen. Glaubwürdiges Leben von Christen erzeuge aus sich heraus einen „missionarischen Effekt“. Auch müsse eine missionarische Kirche diakonisch sein, dem Geist und Handeln der Nächstenliebe verpflichtet. Das habe eine eigene Überzeugungskraft. Und sie müsse eine „Kirche aus der Kraft des Geistes“ sein, der auf Jesus Christus hinweise. Er vertraue auf die Wirkung von Zeichen, betonte der Bischof. Entscheidende Zeichen seien mündige und „geisterfüllte“ Menschen, die ihre Begabungen zur Verfügung stellen, ebenso wie eine kommunikative, „kommuniale“ Struktur der Kirche und eine Pastoral, in der die verschiedenen Dienste und Ämter in fruchtbarerer Weise kooperierten.

Gotthard Fuchs stellte allen Versuchen einer „appellativen Pastoralstrategie“ die „gigantische Chance und Einladung des Evangeliums“ und dessen Antwort auf die menschliche Sehnsucht nach Fülle entgegen. Es gehe nicht um die Kirche, sondern um Gott selbst, der aus der Gefangenschaft eines „kirchlichen Vereinsgotts“ befreit werden müsse. Zu der Frage, wie das Evangelium zu den Menschen komme, gehöre die andere Frage, wie das Evangelium zur Kirche komme. Es gehe um eine innere Bekehrung der Kirche. Am Anfang aller Bemühungen stehe kein ethischer oder spiritueller Imperativ, sondern der „kategorische Indikativ: Du bist geliebt, lass dich lieben, dann kannst auch du lieben“.

Fuchs stellte in den Mittelpunkt seiner Ausführungen eine symbolische Osterdeutung der frühen Kirche: So wie der Mond das Licht der Sonne reflektiert und immer wieder zu in einer Phase des Neumonds schwindet, um neu zu wachsen und das Leben spendende Sonnenlicht zu spiegeln, so müsse auch die Kirche immer wieder sterben, um Christus in neuem Licht wiederzugeben. Es gehe angesichts der aktuellen Krisensituation der Kirche weder um Jammern noch um Schönreden und Verdrängen, sondern um „österliche Trauerarbeit“ angesichts von Sterbeprozessen. Denn vieles, was sich in den vergangenen Jahrhunderten als großartige Gestalt der Kirche entwickelt habe, sterbe heute wieder ab. Heute, so Fuchs, erlebe die Kirche den „abgründigen Karsamstag“ zwischen Karfreitag und Ostern. Im Sterben begriffen sei eine „zivilreligiöse“, eine großartige und privilegierte, eine „eurozentrische“, eine „konfessionalistische“, eine patriarchalische, „hierarchistische“ und „doktrinal-moralisierende Kirchengestalt“. Dagegen stünden eine „wirklich katholische Kirche“, eine „Ökumene der abrahamischen Religionen“ und eine „Ökumene der Seligpreisungen“ und auch eine „geschwisterliche“ und „kommuniale Kirche“. Die Verluste seien zwiespältig, betonte Gotthard Fuchs. Sie lösten Trauer aus und seien zugleich befreiend. Es gelte, die Trauer zuzulassen und in österlicher Hoffnung auszuhalten. Die Mystiker der Kirchengeschichte bieten nach den Worten von Fuchs Beispiele für Erfahrungen der Angst und der Gottverlassenheit und zugleich von der subversiven Kraft eines Glaubens „dank, mittels und trotz der Kirche“. Es gelte, die Angst vor Veränderungen und Sterbeprozessen in der Kirche zuzulassen und auszuhalten und sich „von der Angst vor der Angst befreien“ zu lassen. Eine „Mystik der leeren Hände“ und des radikalen Gottvertrauens könne zu wirklicher Nächstenliebe und zu einer geschwisterlichen Kirche führen. Die Erneuerung der Kirche müsse „Ausfluss einer Bekehrung“ sein, so Gotthard Fuchs, sonst erschöpfe sie sich in „strategischen Tricks gegen den Machtverlust“ und erliege der „Gefahr eines pastoralen Aktivismus“. „Keine missionarische Kirche ohne mystische Kirche“, so die zusammenfassende These. Darin liege die Chance, die unerklärliche Fülle des Evangeliums neu zu entdecken.

Dr. Thomas Broch