Jeden Sonntag zwei bis drei neue Lieder

Im Jahr 2001 hatten die Deutsche und die Österreichische Bischofskonferenz den Beschluss gefasst, ein neues Gebet- und Gesangbuch für den Gottesdienst sowie für das persönliche Gebet und die religiöse Feier in den Familien vorzubereiten. Dass die „Lebensdauer“ eines Gesangbuchs etwa 30 Jahre, also eine Generation, beträgt, ist darin begründet, dass sich in diesem Zeitraum die pastorale Situation in den Gemeinden ebenso verändert wie die gesellschaftliche Situation insgesamt, und dass über die Jahre hinweg auch viele neue Lieder, Gebets- und Gottesdienstformen entstanden sind und in den Gemeinden Einzug gehalten haben.

Der Beschluss der Bischofskonferenzen war das Startsignal für einen aufwändigen Vorbereitungsprozess, in dem es galt, die Akzeptanz des bisher gültigen „Gotteslobs“ zu analysieren, Verantwortliche zu benennen und Strukturen der diözesanübergreifenden Zusammenarbeit zu bilden, Probepublikationen zu entwickeln und diese in den Gottesdiensten ausgewählter Gemeinden zu erproben. In rund 180 Kirchengemeinden in ganz Deutschland und Österreich wurde von Advent 2008 bis Pfingsten 2008 diese Erprobungsphase durchgeführt. In der Erzdiözese Freiburg und in der Diözese Rottenburg-Stuttgart waren jeweils sechs Gemeinden daran beteiligt. Ob es sich um eine überwiegend katholische geprägte oder eine so genannte Diasporagemeinde handelt, ob um eine Land- oder eine Stadtgemeinde, ob hauptamtliche oder ehrenamtliche Kirchenmusiker dort tätig sind – dies sind einige der Kriterien, nach denen diese Gemeinden ausgewählt wurden.

Zusätzlich zu einem gemeinsamen „Stammteil“ wird es – wie bereits beim Vorgänger-„Gotteslob“ – eigene Teile der Diözesen geben. Die beiden baden-württembergischen Diözesen Freiburg und Rottenburg haben sich dabei wiederum für einen gemeinsamen Anhang entschieden. Und sie sind von allen deutschen Diözesen die einzigen, die auch diesen Eigenteil in ausgewählten Kirchengemeinden testen lassen – ebenfalls jeweils sechs Gemeinden im Freiburger und im Rottenburger Bistum. Diese mussten einiges an Mühe auf sich nehmen. Zwei bis drei Lieder hatten sie jeden Sonntag neu zu lernen, die Beurteilung gaben die Gemeindemitglieder an Hand von Zetteln ab, bei denen sie vorgegebene Fragen in einem Multiple-Choice-Verfahren beantworten konnten. Steuerungsgruppen in jeder Gemeinde werteten diese Antwortbogen aus und gaben die Ergebnisse zur weiteren Entwicklung an die beiden diözesanen Ämter für Kirchenmusik. Trotz der anspruchsvollen Anforderungen, so berichtet der Rottenburger Diözesanmusikdirektor Walter Hirt, hätten die Gemeinden sehr selbständig und „in ruhigen Bahnen“ gearbeitet.

Nach welchen Inhalten wurden die Lieder, Antwortgesänge und Gebete ausgewählt? Der „Schatz unserer Kirchenlieder ist die Intimgeschichte des Christentums“, sagt einer der beiden Geschäftsführer der gemeinsamen Freiburger und Rottenburger Arbeitsgruppe, der promovierte Freiburger Theologe und Kirchenmusiker Meinrad Walter. Denn „Lieder zeigen, wie Menschen aller Epochen ihren Glauben nicht nur verstanden, sondern auch emotional-singend sich angeeignet haben“. So gilt es, Lieder und Gebete aus vielen Epochen zu sichten und auszuwählen – vom Gregorianischen Choral über die Choräle Luthers oder Paul Gerhardts, über das reichhaltige Liedgut des 19. Jahrhunderts, die Liturgische Erneuerung des 20. Jahrhunderts bis hin zu den so genannten Neuen Geistlichen Liedern der letzten Jahrzehnte. Die theologische Qualität spielt bei der Auswahl ebenso eine Rolle wie die Frage, ob die Wort- und Ton-Sprache heute noch gemeinsam gesungen werden kann. Das musikalische Niveau der Kompositionen ist von großer Bedeutung, aber auch die Akzeptanz in den unterschiedlichen Gemeinden und Gruppen. Auch neue Kompositions- und Textdichtungsaufträge wurden vergeben. Im Eigenteil von Freiburg und Rottenburg, so verrät Walter Hirt, hätten auch verstärkt Lieder Beachtung gefunden, die es im Stammteil des alten „Gotteslobes“ „schwer gehabt hätten“, obwohl sie von höchster inhaltlicher und musikalischer Qualität seien. Dass sie in den Gemeinden nicht gut eingeführt worden sind, ist nach Hirt einer der Gründe für ihr Schattendasein im Gemeindegesang. Deshalb wurde für die Erprobung der neuen Publikation eigens eine Methoden-Handreichung entwickelt, welche die Einführung unterstützt.

Der Erscheinungstermin des neuen „Gotteslob“ ist noch offen. Abgewartet werden muss auf jeden Fall, bis die revidierte ökumenische „Einheitsübersetzung“ der Bibel als Grundlage der biblischen Texte vorliegt. Und auch die Revision des katholischen Messbuchs und deren Übersetzung aus dem Lateinischen in die Landessprache, an der sich die Gottesdiensttexte ausrichten, wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Weitere Informationen:

Für die Erzdiözese Freiburg, Dr. Meinrad Walter, Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg, Schoferstr. 4, 79098 Freiburg, Tel. 0761-13791-40, E-Mail: walter(at)afk-freiburg.de

Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart: Diözesanmusikdirektor Walter Hirt, Amt für Kirchenmusik, St.-Meinrad-Weg 6, 72108 Rottenburg a. N.,
Tel. 07472 9384-14, E-Mail: kontakt(at)amt-fuer-kirchenmusik.de; www.amt-fuer-kirchenmusik.de