Joannes Baptista Sproll – ein „Widerständler im Schatten“

Nach eigenem Bekunden des Autors will dieses Buch keine wissenschaftliche Untersuchung sein, sondern eine interpretierte „Sammlung“ von Dokumenten, die in 45-jähriger Forschungsarbeit zusammengestellt worden sind – ausdrücklich geleitet von dem Anliegen, für eine von vielen Katholiken der Diözese gewünschte Seligsprechung Sprolls eine möglichst umfassende Quellenlage zu bieten. Neben bereits anderweitig publizierten Originaltexten Sprolls und Zeitzeugenberichten ist vieles des hier Ausgebreiteten nur in bislang nicht edierten Archivalien zugänglich, bis hin zu Erinnerungen und Anekdoten, die persönlichen Verbindungen Schmids zum Umfeld Joannes Baptista Sprolls entstammen. Gerade die Zeitzeugenberichte lassen Sproll in plastischer Weise als eine Persönlichkeit vor Augen treten, als die er in der Diözese Rottenburg bereits zu Lebzeiten und danach verehrt und geschätzt worden ist: volksnah, geradlinig, im persönlichen Umgang offen und herzlich, humorvoll und von schlagfertigem Wortwitz, bisweilen von grimmiger und dennoch nie verletzender Ironie; allerdings auch als in früheren Jahren erfolgreicher Landespolitiker und als gebildete und bis zur Selbstaufgabe arbeitsame Autorität.

Es ist naheliegend, dass in dem Kapitel „Bischof Sproll als Bischof des klaren Wortes“ ein Hauptteil des Buches der konsequenten Gegnerschaft Sproll zum Nationalsozialismus gewidmet ist, in dem er nach eigenen Worten fast von Anfang an einen „Todfeind des Christentums“ erkannt und gegen den er sich öffentlich und unmissverständlich in zahlreichen Predigten, Hirtenbriefen, bei Jugend- und Bischofstagen oder Wallfahrten gewandt hat. Sein Bischofswahlspruch „Fortiter in fide – Tapfer im Glauben“ sollte durch den „erbitterten Vernichtungskampf“ des württembergischen NS-Reichstatthalters Wilhelm Murr zur äußersten Bewährungsprobe herausgefordert werden, in der Sproll „als Verteidiger des Glaubens in eine Größe hineinwuchs, die er selbst nie geahnt hatte“. Dies und auch die ausführliche Dokumentation der Ereignisse während Sprolls siebenjähriger durch die Gestapo erzwungener Verbannung nach dem Wahlboykott im Jahr 1938 nimmt in Schmids Buch einen breiten Raum ein.

Verdienstvoll ist aber auch Schmids Bemühen, weniger bekannte Seiten des Rottenburger Bischofs wieder in Erinnerung zu rufen – so etwa, dass dieser „als Pädagoge und Katechet“ einen zu seiner Zeit bedeutenden Katechismus verfasst und als Pfarrer im oberschwäbischen Kirchen (1909-1912) auch praktisch erprobt hatte. Ebenso erwähnenswert sind die Ausführungen über „Bischof Sproll als Freund der Kunst und als Helfer der Künstler“, in dem Sproll als engagierter Förderer zeitgenössischer Architektur, Malerei und Bildhauerei dargestellt wird, der die in Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus zunehmend verarmenden christlichen Künstler unterstützte, wo immer er konnte. Und nicht zuletzt wird auch deutlich, dass sich der im Juni 1945 schwer leidend aus der Verbannung zurückgekehrte Bischof sofort für die Linderung des Flüchtlingselends und der allgemeinen Versorgungs- und Wohnungsnot einsetzte, dass er Hilfen für Kriegsheimkehrer und Kriegsgefangene veranlasste und wichtige Grundlagen für den Aufbau einer wirksamen Caritas in seiner Diözese legte. Dass er nach dem Krieg sogar Gnadengesuche für seine nationalsozialistischen Verfolger einreichte, rundet das Bild einer glaubwürdigen, von christlichem Ethos durchdrungenen Persönlichkeit ab.

Mit bemerkenswerter Offenheit geht Schmid mehrfach dem Problem nach, dass Sproll bei Vertretern seines eigenen Domkapitels sowie durch den Vatikan in seinem Kampf gegen die Nationalsozialisten nur ungenügend Rückhalt fand. Dass er während seiner Verbannung von Rom zweimal - vergeblich - zum Rücktritt aufgefordert wurde, war nach der Deutung Schmids mit Grund für seinen gesundheitlichen Zerfall. Sollte, so die Frage Schmids, Sprolls implizite Kritik am Konkordat des Heiligen Stuhls mit dem Deutschen Reich Ausschlag dazu gegeben haben, dass er – anders als P. Rupert Mayer oder der Münsteraner Kardinal von Galen – bislang nicht kanonisiert wurde, sondern „als echter Widerständler im Schatten bleibt und vergessen wird“ (so ein Brief aus Sprolls Heimatgemeinde Schweinhausen)? Bemerkenswert ist, dass erstmals im Jahr 1987 Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache vor der Deutschen Bischofskonferenz den Namen des Rottenburger Bischofs Joannes Baptista Sproll in einer Reihe mit Edith Stein, Rupert Mayer und Graf von Galen genannt hat. Wenige Tage später, so referiert Schmid, habe der Papst in München Sproll ein zweites Mal namentlich gewürdigt; in den amtlichen Dokumenten sei darüber jedoch nichts zu finden.

Franz Xaver Schmids Buch ist deutlich ein Zeugnis seiner persönlichen Verehrung gegenüber Bischof Sproll. Die akribische Aufführung der ihm zugänglichen Dokumente, die zahlreichen tabellarischen Überblicksdarstellungen sowie die ausführlichen biographischen Anmerkungen zu den vielen im Text genannten Personen machen es aber auch zu einer historischen Fundgrube.

Franz X. Schmid, Dr. Joannes Baptista Sproll (1870-1949). Bischof von Rottenburg (1927-1949). Annäherung an einen der Kirche treuen Bischof, der seinen Wahlspruch FORTITER IN FIDE tapfer und gläubig gelebt hat, Lindenberg i. Allg. (Kunstverlag Josef Fink) 2009, 176 S., zahlr. Farbabb., Hardcover, mit CD, Format 19 x 24 cm, ISBN 978-3-89870-559-2, 14,80 € / 26,60 sFr, Mitherausgeber: BISCHOF-SPROLL-SCHULSTIFTUNG BIBERACH mit freundlicher Unterstützung des KATHOLISCHEN SCHULWERKS e. V BIBERACH, Munderkingen/Biberach 2009