Katholische Kirche beeindruckend dynamisch

Gemeinsam mit dem Leiter der Hauptabteilung Weltkirche, Domkapitular Heinz Detlef Stäps, und drei Mitarbeitern besucht er pastorale und diakonische Projekte, darunter eine Leprastation und eine Taubstummenschule. Bereits seit 1969 unterstützt die Diözese Rottenburg-Stuttgart die Katholiken in Vietnam finanziell. Seit der politischen Öffnung Vietnams Anfang der neunziger Jahre wachsen auch persönliche Beziehungen. Seither unterstützte die württembergische Diözese rund 400 Projekte in Vietnam mit 4,6 Millionen Euro. Das Land zwischen China im Norden sowie Laos und Kambodscha im Westen hat drei Erzbistümer und 23 Bistümer, von denen Bischof Fürst neun besucht.

Wenige Kilometer von der Grenze zu China liegt die nordvietnamesische Diözese Lang Son. Sie ist die erste Station für Bischof Gebhard Fürst, Domkapitular Heinz-Detlef Stäps und ihre drei Begleiter auf der Pastoralreise nach Vietnam. Für ganze 5.300 Gläubige ist Bischof Joseph Dang Duc Ngan zuständig. In der Diözese herrscht weitgehend bittere Armut. Die Gläubigen leben verstreut von etwas Landwirtschaft; die Jüngeren verdingen sich oft als Tagelöhner, die für chinesische Firmen Waren über die Grenze tragen. „Haben sie etwas Geld, kaufen sie vielfach davon Alkohol oder andere Drogen, verlieren damit ihre Arbeitskraft, landen im Gefängnis oder in einem Umerziehungslager“, erklärt Bischof Joseph der Reisegruppe aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart um Bischof Gebhard Fürst. Die Hauptlast liege auf den Frauen, die die Felder bearbeiten und das Vieh bewachen. Aus Sorge um ihren kleinen Besitz kommen viele auch nicht zur Kirche. Für die derzeit sieben Diözesan- und acht Ordenspriester bedeutet das, ständig unterwegs zu sein zu den Gläubigen, manchmal sind es nur zwei im ganzen Dorf. Bei Hausbesuchen hören die Seelsorger die Sorgen und Nöte an, trösten, geben so gut wie möglich Rat. Bischof Joseph besucht jede seiner 20 Pfarreien alle zwei Monate. Gottesdienste dürfen nach staatlichen Vorgaben nur in genehmigten Kirchen und Kapellen stattfinden. Dass nur noch 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung katholisch sind, liegt an zwei großen Fluchtwellen. Im Krieg zwischen französischer Armee und Vietkong und anlässlich der offiziellen Teilung des Landes 1954 und nach dem chinesisch-vietnamesischen Krieg 1979 waren rund 600.000 Katholiken, samt dem überwiegend französischen Klerus, in den Süden geflohen. In der insgesamt schwierigen Lage tue es gut, sagt der Bischof von Lang Son, wenn die katholische Weltkirche deutliche Zeichen der Solidarität setze und Hilfe leiste. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat bisher die Katholiken von Lang Son mit 64.000 Euro unterstützt, vor allem mit Zuschüssen für Gebäude, Bau oder Sanierung.

„Hier steht die Wiege Vietnams“, erklärte Bischof Cosma Hoang Van Dat den Gästen aus Deutschland. In seiner Diözese Bac Ninh, zwischen Hanoi und Langson, liegt das Zentrum des Konfuzianismus, der traditionsreichen asiatischen Weisheitslehre. Zur Diözese gehören 125.000 Gläubigen, 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Vor der Teilung des Landes hatte die 1883 gegründete Diözese Bac Ninh 70.000 Katholiken und fast 90 Priester, vorwiegend spanische Dominikaner. Nur 30.000 Gläubige und 14 meist alte Priester blieben und zahlten dafür einen hohen Preis: Der Vietkong übte massiv Druck auf sie aus, überwachte, drangsalierte und verhaftete. Der Bischof stand unter Hausarrest, manche Priester saßen über 15 Jahre im Gefängnis. Bischof Cosma spricht von 100 Blutzeugen: „Unsere Diözese hat die meisten Märtyrer von Vietnam.“

Bischof Fürst und seine Begleiter zeigten sich beeindruckt von der Dynamik, die in der Diözese spürbar ist. Unter anderem ein Seminar für junge Männer, ein Pastoralzentrum für die religiöse Bildung und ein Zentrum für Mission und Evangelisierung lassen Bischof Cosma hoffen, dass die Diözese äußerlich und innerlich weiter wächst. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat Bac Ninh bisher mit rund 190.000 Euro unterstützt, schwerpunktmäßig mit Beiträgen für den Bau von Kirchen.

Bischof Cosma ist beliebt wegen seiner Verbundenheit mit den Gläubigen, wegen seiner ausstrahlenden Freude, seiner Bescheidenheit und nicht zuletzt wegen seines großen Herzens für die Armen und Kranken. So fördert er ein vom Staat unterhaltenes Dorf für rund 100 Leprakranke und dessen Krankenstation „Kraftquelle“ unweit der Stadt Bac Ninh. Einen Engel nennen sie den Bischof. Beim Besuch dort erlebte die Gruppe aus Rottenburg eine solidarische Gemeinschaft. Die kranken Frauen und Männer halten Hühner, bewirtschaften nach Möglichkeit ein Gärtchen und kochen für sich selbst. Zwei junge Frauen, die Ordensschwestern werden wollen, fertigen Beinprothesen für die verstümmelten Menschen an. Seit 1980 betreut Schwester Xuan von der Gemeinschaft vom heiligen Herzen Jesu das Dorf. Sie erklärt den Gästen den Teufelskreis der Krankheit: Die Armen leben in unhygienischen Verhältnissen, werden durch Tröpfcheninfektion krank, vertragen wegen Mangelernährung die Medikamente nicht und nehmen sie deswegen nicht ein, die Krankheit schreitet fort. Schwester Xuan lindert die sozial ausgrenzenden Folgen des Aussatzes und, so weit möglich, die körperlichen. Auf lebenszeit will sie bei ihren Schützlingen bleiben, und auch danach. Einen Platz für ihr Grab hat sie sich im Lepradorf bereits ausgesucht.

Uwe Renz / Cäcilia Branz