„Kirche muss Anwalt derer sein, die unter die Räder kommen“

Er konnte dies in Erfahrung bringen, als er am Donnerstag bei einem Besuch der Agentur für Arbeit in Ravensburg aus eigener Anschauung die „Laufbahn“ eines arbeitslosen Menschen kennen lernte: Die Prüfung eines Antrags auf Grundsicherung nach dem Hartz-IV-Gesetz als erste Etappe, das Fallmanagement zur Sondierung der Qualifikation und des beruflichen Werdegangs, die Suche nach einer geeigneten freien Stelle am Computer und die Probleme der Arbeitsvermittlung. Dass jemand mit 58 Jahren kaum mehr eine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat, erlebte er als ebenso bedrückend wie die 347 €, die als Grundsicherung zur Verfügung stehen. Am meisten belastend sei es, so Bischof Fürst, dass man das Gefühl bekomme, ausgeliefert zu sein und sein Leben nicht mehr selbst in der Hand zu haben. „Das verletzt das Selbstbewusstsein und tangiert die Menschenwürde“, sagte der Bischof.

Der Besuch bei der Arbeitsagentur war eine Station auf einer von der katholischen Betriebsseelsorge in Ravensburg vorbereiteten Tour. Auf dem Programm standen auch das FairKauf-Center der Caritas in Weingarten, ein Gespräch mit Betroffenen im Arbeitslosentreff in Ravensburg sowie mit Betriebsräten zweier Firmen, deren eine überraschend – trotz günstiger wirtschaftlicher Entwicklung – von der Konzernmutter geschlossen wird, während bei der anderen betriebsbedingte Kündigungen anstehen. Solche Besuche und Gespräche seien für ihn besonders wichtig, betonte Bischof Fürst, weil er die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren wolle, dass Menschen „nicht in die Dunkelheit gestellt werden dürfen“. Zum anderen wolle er durch authentische Erfahrungen Entscheidungen in der Diözese untermauern. Dazu gehöre, „dass die Caritas eine nicht wegzudenken und nicht wegzudiskutierende Rolle in der Diözese einnehmen“ müsse. Die Kirche stehe er auf der Seite der Arbeitslosen, betonte der Bischof. Dafür wolle er ein deutliches Signal setzen. Scharf kritisierte er Management-Entscheidungen, bei denen die Mitarbeiterschaft „hinters Licht geführt“ werden, wie dies nach der Schilderung des Betriebsrats bei der Firmenschließung in Ravensburg der Fall sei. Dies, so Bischof Fürst, „ist völlig inakzeptabel und zerstört das Vertrauen und das Miteinander in der Gesellschaft“. „Wo die Eigeninteressen dominieren, da kommen Menschen unter die Räder und wird das Vertrauen in das Gesellschaftssystem insgesamt zerstört“, sagte der Bischof und betonte: „Die Kirche muss Anwalt derer sein, die unter die Räder kommen.“

Bei den Besuchen des Bischofs kamen unterschiedliche und teilweise einander widersprechende Sichtweisen zur Sprache. So erlebte er die Mitarbeitenden bei der Arbeitsagentur als sensibel für die Probleme der Ratsuchenden, während die Besucher des Arbeitslosentreffs auch von frustrierenden Erfahrungen berichteten. Überzeugend konnte Gabriele Treiß, die Leiterin der Ravensburger Arbeitsagentur, allerdings deutlich machen, wie sehr die Mitarbeiter selbst oft unter den unlösbaren Problemen und oft tragischen Schicksalen ihrer Kunden leiden. Zumal viele von ihnen selbst nur befristete Arbeitsverträge haben und sich somit ihrerseits in „prekären Arbeitsverhältnissen“ befinden. Die Umsetzung der Hartz-IV-Gesetze wird erst 2009 abschließend gesetzlich geregelt. Unsicherheit und belastete Motivation also auf beiden Seiten des Tischs. Der derzeitige wirtschaftliche Aufschwung, darüber waren sich die Gesprächspartner einig, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dennoch eine Anzahl von Menschen übrig bleibt, deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt immer geringer werden, besonders wenn sie krank sind. Einen staatlich geförderten dritten Arbeitsmarkt für diese Menschen hält Gabriele Treiß für unerlässlich. Dass es sich dabei um sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze handeln muss und dass die so genannten Ein-Euro-Jobs nicht die alleinige Lösung sein können, in dieser Frage gab es keine gegensätzlichen Meinungen.