Kirchenbau: Spiegel des Verhältnisses von Staat und Kirche

In dem aufwendig und sehr ansprechend gestalteten Band richtet sich der Blick in besonderer Weise auf die Kirchenneubauten in Württemberg in der Zeit zwischen 1791 und 1857. Mit dieser Arbeit belebt Giese nicht nur einen „weißen Fleck“ in der Architekturgeschichte, sondern er trägt auch der wieder entdeckten Wertschätzung der Sakralarchitektur des 19. Jahrhunderts Rechnung, die lange Zeit nur als epigonal betrachtet worden war. Ein vollständiger Katalog mit detaillierten Beschreibungen aller zwischen 1791 und 1857 neu gebauten Pfarrkirchen in der württembergischen Diözese stellt für künftige architekturgeschichtliche Forschungen eine wichtige Quelle dar. Nicht zuletzt bietet der Autor durch wissenschaftlich fundierte Qualitätskriterien eine Hilfestellung in der bedrängenden Frage, welche Kirchenbauten aus dieser Zeit angesichts zunehmend reduzierter wirtschaftliche Ressourcen auf jeden Fall erhaltenswert sind.

Giese geht in der Arbeit, mit der er im Jahr 2008 von der Universität Stuttgart zum Dr. phil. promoviert wurde, neben ausführlichen Erläuterungen zu Forschungsgegenstand und –methode in drei Betrachtungsebenen vor, die er in einer konzeptionellen Matrix miteinander in Beziehung setzt. Zunächst erstellt er eine vollständige Statistik aller Kirchenneubauten zwischen 1751 und 1950, chronologisch gegliedert nach Baugenerationen. In einer zweiten Betrachtungsebene untersucht er diese Baugenerationen systematisch nach ihren typischen Phänomenen und ordnet sie in die staats-kirchen-politischen Rahmenbedingungen ein. So charakterisiert er die Phase von 1790 bis 1819 als Übergangszeit am Ende des alten Reiches; die Zeit zwischen 1820 und 1849, in die die Gründung der Diözese Rottenburg (1828) fällt, ist eine Epoche des obrigkeitlich regulierten Staatskirchentums; der Zeitraum 1850 bis 1879 ist durch eine Konsolidierung der katholischen Kirche in Württemberg geprägt, die sich architektonisch in einer selbstbewussten Artikulation ausdrückt; die Phase von 1880 bis 1909, in der die katholische Kirche in Württemberg nicht – wie in Preußen – durch einen Kulturkampf belastet war, zeichnet sich aus durch eine enorme zahlenmäßige Zunahme der Kirchenneubauten und durch eine Typisierung der Architektur; die Baugeneration zwischen 1910 und 1939 beschreibt Giese als eine Zeit der Wiederkehr des Sakralen, begleitet aber auch durch eine zunehmende Politisierung. Es folgt – im Buch nicht näher beschrieben – zwischen 1940 und 1950 eine Zeit der Kriegszerstörungen und des beginnenden Wiederaufbaus.

Interessant ist in Gieses Analyse, dass die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen und die daraus entspringenden Rechtsgrundlagen die stärksten Impulse für die architektonische Gestaltung setzten, gefolgt vom sich wandelnden Selbstverständnis der katholischen Kirche in Württemberg und einem stark anwachsenden Verlangen der kirchlichen Bauherren nach Repräsentation und symbolischer Präsenz – ein Verlangen, das oft den politischen Ansprüchen des Staates konfliktiv gegenüberstand. Erst an dritter und vierter Stelle waren ökonomische Ursachen und konstruktive Vorteile sowie experimentelle Gestaltungsabsichten der Planer ausschlaggebend für die Architektur der neuen Kirchen. So schlägt sich zum Beispiel ein rationalistisches Religionsverständnis des nachnapoleonischen Königreichs Württemberg und dessen zentralistischer Regelungsanspruch in Kirchenbauten nieder, deren Architektur diese als Lehrgebäude ausweist. Gestaltet wurden die Kirchen in dieser Zeit nicht durch Planer, die im Auftrag der Kirchen tätig waren, sondern unter der Aufsicht der Königlichen Finanzkammer. Mit der zunehmenden Schwächung der Monarchie nach 1848 trat die Kirche selbst als Bauherrin und Auftraggeberin der Architekten auf und verlieh ihrem erstarkenden Selbstbewusstsein in Kirchengebäuden Ausdruck, die deutlich ihren Repräsentationswillen widerspiegelten. Ähnlich macht sich die Politisierung von Theologie und kirchlichem Selbstverständnis in der Sakralarchitektur in der Zeit des Nationalsozialismus bemerkbar.

In einer dritten Betrachtungsebene schließlich stellt der Autor mit ausführlichen Beschreibungen repräsentative Objekte der einzelnen Baugenerationen von 1791 bis 1857 vor. Leitendes Kriterium für die Auswahl ist dabei besonders die Anzahl von „Innovationspunkten“, also Hinweise auf bemerkenswerte Umbrüche, die als bezeichnend für neue Entwicklungen angesehen werden können. Die nach diesen Kriterien gebildeten Gruppen der exemplarischen Darstellung sind „Pfarrortprinzip – Wallfahrtskirche“, „Pfarrkirche und Hauptstadtkirche“, „Sakraler Raum – rationaler Raum“, „Pfarrkirche und Königshalle“, „Pfarrkirche mit Maßwerken“ sowie „Pfarrkirche und Ökonomie“.

Das Buch ist neben zahlreichen Statistiken, Grafiken, Architekturzeichnungen und Fotografien mit einem umfangreichen wissenschaftlichen Apparat ausgestattet.

Heiner Giese, Sakraler Raum – Rationaler Raum. Pfarrkirchen um 1828 in der Entstehungszeit der Diözese Rottenburg, Regensburg (Schnell+Steiner) 2008, 205 Seiten, über 220 s/w-Zeichnungen, zahlr. Grundrisse, Pläne, Piktogramme, 22,5 x 30,5 cm, Ln. m. Schutzumschlag, fadengeheftet, ISBN 978-3-7954-2037-6, 34,90 €