„Kirchengemeinden müssen bewohnbare Gemeinschaften sein“

Dieser Prozess habe in der schwäbischen Diözese bereits begonnen. Nicht zuletzt hätten die Jugendlichen in einem von März bis Oktober 2010 durchgeführten „Jugendforum3“ mit 60 Empfehlungen und Erwartungen der Diözesanleitung „kräftig eingeheizt“. Die Begegnung mit den jungen Menschen, so der Bischof, habe ihm im vergangenen Jahr am meisten Freude und Mut gemacht. Es sei die Pflicht der Kirche, die Jugendlichen um ihrer selbst willen und um der Zukunft der Kirche willen anzunehmen und wertzuschätzen. „Heute und in der kommenden Generation sind sie die Kirche. Oder sie sind es nicht. Und dann sind wir als Kirche nicht mehr“, appellierte Bischof Fürst.

Angesichts der jüngsten Terroranschläge sprach Bischof Fürst den koptischen Christen weltweit und in der Diözese Rottenburg-Stuttgart Solidarität und Verbundenheit aus.

Das Jahr 2009 sei für die katholische Kirche alles andere als ein einfaches Jahr gewesen, konstatierte der Bischof. „Wie ein gewaltiger Tsunami“ seien die Nachrichten über sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute über die Kirche hereingebrochen und hätten die größte Vertrauenskrise bewirkt, seit der denken könne. „Wir müssen in aller Demut um Vergebung bitten“, sagte Bischof Fürst.

Bereits seit dem Jahr 2002 gehe eine von ihm eingesetzte unabhängige Kommission akribisch allen Verdachtsfällen nach und werde dies auch künftig tun. Den Opfern müsse Gerechtigkeit widerfahren. Kritisch merkte der Bischof allerdings die Einseitigkeit an, mit der sich die öffentliche Missbrauchsdiskussion oft ausschließlich auf die katholische Kirche konzentriere. Jährlich kämen weit über 10.000 Fälle mitten in der Gesellschaft zur Anzeige, nicht zuletzt in Familien. „Wer nimmt sich dieser traumatisierten Menschen an? Wer ist öffentlicher Anwalt der Opfer, deren Missbrauch auch außerhalb der Kirche geschehen ist?“, fragte Bischof Fürst. Die Kirche müsse mit den furchtbaren Vergehen in den eigenen Reihen so umgehen, dass sie glaubwürdig für die Opfer in anderen Bereichen der Gesellschaft eintreten könne.

Der Läuterungs- und Erneuerungsprozess der Kirche bedürfe der Mitwirkung aller Christen, betonte der Bischof. So müssten die Kirchengemeinden eine für die Menschen in ihren Sorgen und Nöten „bewohnbare Gemeinschaft“ sein, in denen auch für Menschen mit gebrochenen Biographien der barmherzige Gott erfahrbar werde. Lebendige Kirchengemeinden seien das A und O einer lebendigen Kirche. Die Diözese werde alles tun, um die Gemeinden personell und strukturell so auszustatten und zu unterstützen, dass dies möglich werde. Der Mitgestaltung durch Laien in den gewählten Gremien werde in der Diözese Rottenburg-Stuttgart besonderes Gewicht beigemessen, sagte Bischof Fürst. Das „Rottenburger Modell“ der Mitwirkung der Laiengremien an der Gestaltung des kirchlichen Lebens könne er über die Diözesangrenzen hinaus nur empfehlen.

In dem Dialog- und Erneuerungsprozess, der in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit vielen Gesprächen bereits begonnen habe und der im neuen Jahr intensiviert werde, gehe es auch um Fragen, die viele Christen bedrücken und ihnen am Herzen liegen. „Wie geht es mit den katholischen Mitchristen weiter, die geschieden sind und wieder geheiratet haben? Wie geht es mit den konfessionsverbindenden Ehen weiter? Wie steht es um die Stellung der Frau in der katholischen Kirche?“, fragte der Bischof. Dieser Erneuerungsprozess könne nicht von oben verordnet werden, er müsse von vielen engagierten Christen mitgetragen werden. Hier sei die Diözese bereits seit dem Konzil auf einem guten Weg. Er wolle mit den Katholiken der Diözese Rottenburg-Stuttgart diesen Suchprozess entschlossen weitergehen, sagte Bischof Fürst.

Dr. Thomas Broch