Kirchengemeinden sind „Partner von Welt“

Die Untersuchung war von der Hauptabteilung Weltkirche im Bischöflichen Ordinariat der Diözese in der zweiten Jahreshälfte 2007 durchgeführt worden und liegt jetzt ausgewertet vor. An der Erhebung haben 988 Kirchengemeinden teilgenommen, das entspricht einem Anteil von 95 Prozent an der Gesamtzahl der 1.037 Gemeinden. Diese Quote macht die Umfrage repräsentativ und wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Fülle und Komplexität der erhobenen Daten.

Direktkontakte der Kirchengemeinden
Im Durchschnitt pflegen rund 54 Prozent der Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart direkte Beziehungen zu Partnern in Übersee oder Osteuropa. Auffällige Abweichungen von diesem Mittelwert nach oben finden sich zum einen in vier Dekanaten rund um die Landeshauptstadt, nämlich mit ca. 86 Prozent im Dekanat Rems-Murr und mit fast 78 Prozent im Dekanat Böblingen sowie in den Dekanaten Ludwigsburg (70,6 Prozent) und Esslingen-Nürtingen (68,8 Prozent). Aber auch im ehemaligen Dekanat Ulm, das im Januar 2008 mit Ehingen zusammengelegt wurde, liegt der Prozentsatz an Direktkontakten mit 75 Prozent weit über dem Durchschnitt; dasselbe gilt für Friedrichshafen, wo noch etwas mehr als Dreiviertel der Kirchengemeinden angeben, unmittelbare internationale Kontakte zu pflegen.
In keinem der damals noch 32 Dekanate der Diözese Rottenburg-Stuttgart betrug die Zahl der Gemeinden, die unmittelbare internationale Beziehungen pflegten, weniger als 25 Prozent.

Mehrfachkontakte
36 Prozent der Kirchengemeinden unterhalten mehr als einen Direktkontakt, so dass auf die Diözese bezogen im Jahr 2007 insgesamt 933 partnerschaftliche Beziehungen bestehen. Kontinentaler Spitzenreiter mit 384 Nennungen ist Afrika (42 Prozent), gefolgt von Lateinamerika mit 300 (32 Prozent) und Asien mit 191 (20 Prozent). Osteuropa wird 58 Mal (6 Prozent) genannt. Als einzelnes Land nimmt Indien mit 112 Nennungen eine absolute Spitzenstellung eine. Mit weitem Abstand folgt Brasilien, das 77 Mal als Partnerland auf den Fragebögen angekreuzt ist. Peru mit 44, Argentinien mit 42 und Bolivien mit 38 Nennungen belegen die weiteren Plätze, ehe Indonesien 27 Mal und Rumänien 14 Mal angeführt werden.

Vermittlung der Kontakte
Die partnerschaftlichen partnerschaftliche Kontakte nach Übersee oder Osteuropa wurden nach Angaben der Gemeinden über Entwicklungshelfer (5 Prozent), Bischöfe (15 Prozent), Missionskräfte (28 Prozent), einheimische Priester und Ordensleute (36 Prozent) vermittelt; einige sind auch unmittelbar zu dortigen Gruppen und Gemeinden (16 Prozent) entstanden.


Förderung von Projekten
Die Förderung von Projekten bestimmt weitestgehend die Eine-Welt-Arbeit der Kirchengemeinden. 513 Gemeinden, also gut 92 Prozent, geben die Projektförderung als Inhalt ihrer Beziehungen zu den Partnern an. Allerdings machen nur 358 Gemeinden, also ca. 64 Prozent, Angaben darüber, mit welchem Finanzvolumen sie die Projekte der Partner unterstützt haben. Dabei variieren die Angaben zwischen den Gesamtaufwendungen seit Bestehen des Kontakts und den jährlich für die Projektförderung ausgegeben Beträgen.

Projektzuschüsse
An Projektzuschüssen pro Jahr errechnet sich aufgrund der Angaben der 358 Gemeinden derzeit ein Finanzvolumen von knapp 1 Million Euro, so dass eine Kirchengemeinde pro Jahr im Schnitt knapp 2.800 Euro für die Partner aufbringt. Die Ausgaben für die Projektförderung insgesamt erreichen fast 12 Mio. Euro. Ein Großteil der Projektpartnerschaften wurde schon zu Ende der 80-er bzw. zu Beginn der 90-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschlossen. Vereinzelt reichen die Gemeindekontakte sogar in die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils oder noch weiter zurück. Nur wenige Projektpartnerschaften sind nach der Jahrtausendwende entstanden.

Würde man die Angaben der 358 Gemeinden über das Finanzvolumen ihrer Projektförderung auf alle 513 Gemeinden mit Projektförderung hochrechnen, so ergäbe sich aufs Jahr gesehen eine Hilfe von ca. 1, 4 Millionen Euro und ein Gesamtbetrag von 17,2 Millionen Euro, mit der Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart ihre Partner in Übersee und Osteuropa bis zum Abschluss der Befragung Ende 2007 unterstützt haben.

Bereiche der Zusammenarbeit
Aktiv sind die Gemeinden auf allen möglichen Feldern der kirchlichen Entwicklungsarbeit. Dabei werden zum einen in jeweils kleinerem Umfang Projekte und Programme der Partner finanziert, zum andern werden aber auch längerfristige Verpflichtungen in Form von Patenschaften eingegangen.
Bildung: Am häufigsten genannt werden Zuschüsse im Bildungssektor für den Bau von Kindergärten, Schulen und anderen Ausbildungsstätten, finanzielle Unterstützung bei der beruflichen Förderung, bei der Übernahme von Schulgeldzahlungen sowie bei Stipendien oder Ausbildungsbeihilfen.
Gesundheit und Soziales: An zweiter Stelle werden die Bereiche Gesundheit und Soziales angegeben. Das bedeutet z. B. in Beihilfen für den Bau von kleineren Gesundheitsstationen, Jugendzentren, Kinder-, Waisen-, Behinderten- und Altenheimen, Versorgung mit Arzneimitteln, Finanzierung von Straßenkinder- und Familienhilfeprojekten, von Suppenküchen oder Armenspeisungen oder Betreuung von HIV/AIDS-Patienten sowie an Lepra oder Tuberkulose Erkrankten.
Befriedigung von Grundbedürfnissen: Die Projektgelder der hiesigen Kirchengemeinden werden häufig für Maßnahmen zur Grundbedürfnisbefriedigung aufgewendet, beispielsweise für die Versorgung mit sauberem Trinkwasser oder mit Bekleidung, für den Bau von einfachem Wohnraum oder die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung durch Kleinprojekte in Landwirtschaft, Viehzucht und Gartenbau.
Unterstützung der pastoralen Arbeit: Rein kirchliche Vorhaben wie der Bau von Kapellen, Kirchen, Pfarr- und Gemeindehäusern, aber auch Beihilfen zur Priesterausbildung, für Ausbildung und Unterhalt von Katechisten sowie zur Existenzsicherung kirchlicher Mitarbeiter nehmen in der Beziehungsarbeit ebenfalls einen hohen Stellenwert ein.
Not- und Katastrophenhilfe und Investitionshilfen: Vermehrt erwähnt werden Maßnahmen der Not- und Katastrophenhilfe, Zuschüsse für den Kauf von Fahrzeugen sowie finanzielle Unterstützung für Aufbau und Unterhalt von lokalen Radiosendern und deren Programmen.
Gegenseitige Besuche und Begegnungen: Neben der Projektförderung gaben 174 der 557 Kirchengemeinden mit Direktkontakten ( = ca. 31 Prozent) als weitere Inhalte der Beziehungspflege Begegnungen und gegenseitige Besuche an, wobei die Zahl der gereisten Personen und die Dauer ihrer Aufenthalte höchst unterschiedlich ausfiel. Die Bandbreite reicht von Einzelreisenden, wie pastoralen Mitarbeitern, 2. Vorsitzenden des Kirchengemeinderats, bis zu Gruppenreisen von bis zu 12 Personen, die sich manchmal nur für wenige Tage, manchmal aber auch für mehrere Wochen im jeweiligen Gastland aufhielten. Diese Besuche schließen Reisen der deutschen Gemeindemitglieder und ebenso Gegenbesuche von deren Partnern ein.


Internationale Freiwilligendienste

Im Rahmen der internationalen Freiwilligendienste - vor allem junge Menschen – und längerer Auslandsaufenthalte von Gemeindemitgliedern waren bis zum Zeitpunkt der Umfrage 111 Personen von ihren Gemeinden entsandt worden. Mehrheitlich war dies in den jeweiligen Gemeinden nur eine Person, in Einzelfällen zwei oder gar drei.

Strukturen der Weltkirchlichen Arbeit auf Gemeindeebene
Die Gesamtzahl der in die weltkirchliche Arbeit der Gemeinden eingebundenen Aktiven summiert sich in der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf 3.412 Personen.

Räte und Gremien: Die Umfrage unter den 1.037 Kirchengemeinden der Diözese zielte auch auf Erkenntnisse ab, wie die weltkirchliche Arbeit auf Gemeindebene verfasst ist, welche Strukturen es gibt, wer die Ansprechpartner sind, wie viele Personen sich engagieren, wofür sie sich in ihrem ehrenamtlichen Engagement stark machen, wie sie in die weltkirchliche Arbeit der kirchlichen Hilfswerke eingebunden sind, deren Kampagnen aufgreifen und in der eigenen Gemeinde umsetzen. Dabei hat sich ergeben, dass in 464 Kirchengemeinden (rund 45 Prozent der Gesamtzahl der Kirchengemeinden) der Themenbereich „Mission-Entwicklung-Frieden“ auf der Leitungsebene angesiedelt ist. In 263 Fällen (ca. 25 Prozent) wurde ein entsprechender Ausschuss des Kirchengemeinderats gebildet und in weiteren 201 Gemeinden (ca 19 Prozent) zumindest ein Sachwalter des Kirchengemeinderats für diesen Themenbereich bestimmt. Damit ist im Grundsatz gewährleistet, dass alle relevanten Fragen, die den Dienst der Gemeinde für die Gesellschaft und die Welt betreffen, in den Leitungsgremium beraten und beschlossen werden können. Außerdem existieren in 126 Kirchengemeinden (ca. 12 Prozent) Ausschüsse für „Eine-Welt-Partnerschaften“.
Andere Gruppierungen: Außerhalb der Rätestrukturen gibt es in 131 Gemeinden (ca. 13 Prozent) „Eine-Welt-Kreise“, in 19 (ca. 1,8 Prozent) eingetragene „Eine-Welt-Vereine“ und in 17 (ca.1,6 Prozent) sonstige Gruppierungen, die sich der Themen annehmen. 79 Kirchengemeinden (ca. 7,6 Prozent) haben eigene „Eine-Welt-Läden“ und 148 (ca. 14,3 Prozent) geben an, eine durch ein kirchliches Hilfswerk vermittelte Projektunterstützung („Projektpartnerschaft“) auf Gemeindeebene zu leisten. Befragt nach den Schwerpunkten der Arbeit dieser Ausschüsse und Gremien, Vereine und Gruppen, wobei Mehrfachnennungen möglich waren, wurde 393-mal Projektförderung angegeben, 280-mal das Engagement für den Fairen Handel und 252-mal die Pflege der Kirchengemeinde-Partnerschaft. Maßnahmen der weltkirchlichen und entwicklungspolitischen Bewusstseinsbildung wurden 229-mal und solche der politischen Lobbyarbeit 20-mal angekreuzt. Den ehrenamtlichen Einsatz für Freiwilligendienste und andere längere, auch gegenseitige Auslandsaufenthalte betrachten 42 Kirchengemeinden als einen ihrer Arbeitsschwerpunkte.

Spendenbereitschaft
Die Kirchengemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart unterstützen die kirchlichen Hilfswerke allenthalben und erzielen - auch im interdiözesanen Vergleich - ansehnliche Ergebnisse. So wurde im Jahr 2007 für Zwecke der Mission und der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit ein Gesamtergebnis von 11,6 Millionen Euro erreicht.

Akzeptanz und Unterstützung von Kirchlichen Werken und Kampagnen
Was die inhaltliche Beteiligung an den Kampagnen und Aktionen der Kirchlichen Hilfswerke anbetrifft, so schneidet erwartungsgemäß das Kindermissionswerk Die Sternsinger am besten ab. Neben der 100-prozentigen Beteiligung der Gemeinden am Dreikönigssingen geben 686 Kirchengemeinden (ca. 66 Prozent) an, sich für die Belange des Kindermissionswerks auf Gemeindebene zu engagieren. Auch das Internationale Katholische Missionswerk missio schneidet sehr gut ab: 606 Kirchengemeinden (ca. 58 Prozent) kreuzen an, die Anregungen von missio zum Monat der Weltmission aufzugreifen, und auch der den Anliegen des Missionswerkes missio dienende außerordentliche missio-Sonntag wird von 465 Kirchengemeinden (ca. 45 Prozent) wahrgenommen. An nächster Stelle in der Beliebtheit der Kampagnen der Werke rangiert die Misereor-Fastenaktion, hinter der 588 Kirchengemeinden, immerhin noch ca. 57 Prozent ein Zeichen machen; gefolgt von 466 Kirchengemeinden (ca. 45 Prozent), die sich für Adveniat engagieren. Ein wenig abgeschlagen mit 390 Nennungen (ca. 38 Prozent) ist Renovabis, nicht zuletzt wegen der zeitlich ungünstigen Pfingstaktion, die aufgrund des Schulferienkalenders in Baden-Württemberg in eine der Hauptreisezeiten fällt.


Aktivitäten in den Gemeinden
Bezüglich der Aktivitäten und Aktionen, mit deren Hilfe weltkirchliches Engagement in den Kirchengemeinden mit Leben erfüllt wird, ergibt sich nach der Umfrage folgende Rangfolge, wobei Mehrfachnennungen möglich waren: besondere Gottesdienste, liturgische und spirituelle Angebote (420 Nennungen), Verkauf fair gehandelter Waren (395), Fastenessen (242), Bazare/Auktionen (214), Bildungsveranstaltungen (126), Aktionen in Schule oder Kindergarten (101), Ausstellungen (81), Gebetsinitiativen und Partnerschaftsfeste (je 69), verschiedene andere Aktivitäten (166).

Auswertung und Weiterführung
Auf der Grundlage dieser umfangreichen und detaillierten Bestandsaufnahme des weltkirchlichen Engagements der Kirchengemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist die baldige Veröffentlichung einer praktischen Handreichung geplant, die die Umfrageergebnisse insgesamt und einzeln für die Gemeinden und Dekanate dokumentiert und in Diagrammen, Schaubildern und Karten veranschaulicht. Die Broschüre wird auch ein differenziertes Verzeichnis der internationalen Kontakte der Kirchengemeinden enthalten, das zeigt, wer, wo und wie in der Diözese Rottenburg-Stuttgart global denkt und lokal handelt. Dieses Verzeichnis soll der Vernetzung, dem Austausch, dem gemeinsamen Planen und Handeln und letztlich der Qualifizierung und weiteren Profilierung der weltkirchlichen Arbeit auf allen Ebenen der Diözese Rottenburg-Stuttgart dienen.

Kontakt: Johannes Bielefeld, Bischöfliches Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart – Hauptabteilung Weltkirche, Tel. 07472 169-291, E-Mail: jbielefeld(at)bo.drs.de