Kommission Sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart befasste sich mit neuen Hinweisen

Dies hat der Kommissionsvorsitzende, der ehemalige Bundestagsabgeordnete Robert Antretter, im Anschluss an die Kommissionssitzung vor Medienvertretern erklärt. Drei der Priester leben noch und befinden sich im Ruhestand, vier der Beschuldigten sind bereits verstorben. Die Vorwürfe beziehen sich durchweg auf Ereignisse, die sich zwischen 1950 und den frühen 1970er Jahren ereignet haben. Dies gelte auch für die meisten anderen Hinweise, die der Kommission vorgelegen hätten. Weiterhin, so Antretter, seien sieben Ordenspriester beschuldigt worden. Die Kommission habe die Anzeigen an die rechtlich zuständigen Ordensgemeinschaften bzw. an andere Diözesen zur weiteren Klärung weitergeleitet. Beschuldigt worden seien auch drei Laien, die hauptberuflich oder ehrenamtlich im kirchlichen Bereich tätig gewesen seien. Antretter erwähnte weitere fünf anonyme Hinweise, bei denen die Beschuldigten teilweise nicht identifizierbar seien und bei denen teilweise auch Zweifel an der Glaubhaftigkeit bestünden. Grundsätzlich machten anonyme Beschuldigungen eine seriöse Aufarbeitung fast unmöglich, betonte Antretter.

Hinweise auf inakzeptable Erziehungsmethoden in kirchlichen Einrichtungen wie etwa körperliche Züchtigungen, sofern sie nicht mit sexuellen Übergriffen verbunden seien, missbillige die Kommission entschieden; sie seien aber nicht Gegenstand der Kommissionsarbeit. Die Verknüpfung von körperlicher und sexueller Übergriffigkeit lägen bei zwei der Anzeigen vor. Die Hinweise, die sich auf Ordensschwestern bezögen, seien an die zuständigen Ordensleitungen zur weiteren Klärung weitergeleitet worden. Die Hauptabteilung Caritas habe im November 2009 eine wissenschaftliche Untersuchung zur Geschichte der Heimerziehung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Auftrag gegeben. Zwischen der Kommission und der Hauptabteilung bestehe eine enge Zusammenarbeit.

Der Kommissionsvorsitzende nahm in der Pressekonferenz auch Bezug auf Vorkommnisse, die durch die Medienberichterstattung bereits öffentlich bekannt geworden sind. Der beschuldigte ehemalige Pfarrer in der Pius-Pflege im oberschwäbischen Oggelsbeuren könne nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, weil er dement sei. Dies habe sowohl ein fachärztliches Gutachten als auch eine persönliche Begegnung mit dem ermittelnden Diözesanrichter zweifelsfrei ergeben. Zum jüngst bekannt gewordenen Fall eines beschuldigten ehemaligen und bereits verstorbenen Pfarrers aus dem Raum Rottenburg, betonte Antretter, hier werde deutlich, wie bei einer hoch verdienten Persönlichkeit neben den hellen auch sehr dunkle Seiten bestehen könnten. Respekt brachte er gegenüber den Ordensoberen der Patres zum Ausdruck, deren lange zurückliegenden Verfehlungen jetzt im oberschwäbischen Blönried und in Bad Mergentheim bekannt geworden sind. Sie hätten in vorbildlicher Weise Mut zur Offenheit zu erkennen gegeben.

In einer persönlichen Erklärung, die Bischof Gebhard Fürst zu Beginn der Pressekonferenz verlesen ließ, stellte sich dieser vor die „absolut überwiegende Mehrheit“ der Priester seiner Diözese, die „ihren Dienst für die Menschen Tag für Tag mit überdurchschnittlichem Einsatz und in untadeliger Integrität erbringen“. Die Kirche erlebe derzeit eine Glaubwürdigkeitskrise, wie sie seit Generationen nicht mehr gesehen worden. Auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart sei davon nicht ausgenommen. „Das erfüllt mich mit Trauer, mit Schamfür die Täter und mit tiefem Mitempfinden für die Opfer“, betonte der Bischof in seiner Erklärung. Sexueller Missbrauch sei ein „verabscheuungswürdiges Verbrechen“. Jeder Verdachtsfall müsse aufgearbeitet und die Schuldigen bestraft werden; den Opfern müsse Gerechtigkeit widerfahren. Doch seien über 99 Prozent der Diözesanpriester von den Vorwürfen nicht betroffen. „Sie verdienen es nicht, einem derartigen Generalverdacht ausgesetzt und in ihrem Ansehen und ihrer persönlichen Ehre beschädigt zu werden“, erklärte der Bischof.

Dr. Thomas Broch

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Persönliche Erklärung von Bischof Dr. Gebhard Fürst

In diesen Tagen kommen fast täglich neue Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen ans Tageslicht, die vor Jahren und Jahrzehnten in Schulen, Internaten, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder für Menschen mit Behinderung begangen worden sind. Derartige Vorwürfe, die viele Gruppierungen unserer Gesellschaft betreffen, bewahrheiten sich leider auch so und so oft im Verantwortungsbereich der katholischen Kirche. Die Kirche erlebt derzeit eine Glaubwürdigkeitskrise, wie sie seit Generationen nicht mehr gesehen wurde. Auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist davon nicht ausgenommen. Das erfüllt mich mit Trauer, mit Scham für die Täter und mit tiefem Mitempfinden für die Opfer. Ich betone zum wiederholten Mal in aller Deutlichkeit, dass sexueller Missbrauch gegenüber wem auch immer – in besonderer Weise aber bei Kindern und Jugendlichen – ein verabscheuenswürdiges Verbrechen ist. Ich habe in der Diözese Rottenburg-Stuttgart alle gebotenen Vorkehrungen getroffen, um jeden Verdachtsfall aufzuarbeiten, die Schuldigen zu bestrafen und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Zusammen mit Institutionen und Verbänden wenden wir auch der Prävention große Aufmerksamkeit zu.

Ich verwahre mich aber im Namen der Geistlichkeit meiner Diözese gegen jede Art von Einseitigkeit in der öffentlichen Darstellung und Meinung, mit der der Eindruck erweckt wird, katholischen Priestern müsse grundsätzlich mit Misstrauen wegen ihrer zu vermutenden sexuellen Abartigkeit begegnet werden. Die wenigen Beschuldigten unter den derzeit rund 700 aktiven und etwa 300 im Ruhestand befindlichen Priestern der Diözese Rottenburg-Stuttgart dürfen nicht den Blick dafür verstellen, dass die absolut überwiegende Mehrzahl ihren Dienst für die Menschen Tag für Tag mit überdurchschnittlichem Einsatz und in untadeliger Integrität erbringen. Über 99 Prozent sind von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs nicht betroffen. Sie verdienen es nicht, einem derartigen Generalverdacht ausgesetzt und in ihrem Ansehen und ihrer persönlichen Ehre beschädigt zu werden. Ich bin den Priestern meiner Diözese dankbar für ihren Dienst und wünsche ihnen in dieser schwierigen Zeit Mut und trotz aller Belastungen Freude an ihrer Aufgabe.

18. März 2010

+ Bischof Dr. Gebhard Fürst