Seelsorge

Leben im Sterben

Anlässlich der Woche für das Leben rufen die Bischöfe Fürst und July zur ganzheitlichen Sterbebegleitung auf.

Die christliche Sterbebegleitung sei Lebenshilfe, weil sie auf alle Bedürfnisse eines Menschen an seinem Lebensende eingehe. „Schmerzen und Leiden haben ja nicht nur eine körperliche Dimension“, sagte Frank Otfried July, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. „In dieser hochverletzlichen letzten Lebensphase braucht es eine zugewandte medizinische, pflegerische und therapeutische Versorgung, es braucht Zeit für Kommunikation und gute Beziehungsgestaltung.“ Mit Palliative Care wenden sich nach seinen Worten Mitarbeitende in Hospizen, Pflegeheimen, in der ambulanten Pflege, auf Palliativstationen und mit Sitzwachen auch zuhause sterbenden Menschen ganzheitlich zu. Die Kirchen zeichne dabei eine tröstliche Gewissheit aus: „Aus dem Glauben heraus können wir angesichts des Todes von Auferstehung sprechen. Darin stecken die Kraft und die Hoffnung auf ein Leben, das stärker ist als der Tod.“

Dass sich die Gesellschaft kaum zuvor so intensiv mit Krankheit und Tod auseinandersetzte wie seit Beginn der Corona-Pandemie, betonte Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

„Unser Ziel muss es daher sein, diese Aufmerksamkeit wach zu halten und eine bedarfsgerechte Versorgung – gerade auch im Palliativ- und Hospizbereich – noch viel stärker und eindeutig als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu platzieren.“

Im Hinblick auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020, wonach die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung nicht verfassungswidrig ist, sagte Bischof Fürst, dass diese Entscheidung die Kirchen mehr als nachdenklich mache. „Denn wir meinen, dass Beihilfe zum Suizid keine Alternative zu einer umsorgten Sterbebegleitung sein darf. Kranke und alte Menschen dürfen in unserer Gesellschaft unter keinen Umständen als Last für die Gesellschaft abgestempelt und dazu gedrängt werden, auf medizinische Maßnahmen zu verzichten. Denn ein Abschied in Würde bedeutet aus christlicher Sicht, dass der Sterbende an der Hand eines Menschen stirbt - aber nicht durch sie!

„Seit wir aus dem Krankenhaus gekommen sind, sind wir mehr Pflegekräfte als Eltern“, berichtete Lars Kolender, dessen dreijähriger Sohn durch Trisomie 13 eine Vollzeitbetreuung braucht. Das Kinder- und Jugendhospiz Stuttgart bedeutet für ihn Abstand von dieser Rolle. „Für Nilas ist das ein Ort der Sicherheit, für uns Eltern ein Ort der Entspannung, um Kraft zu tanken. Das ist der Ort, an dem wir Eltern sein können.“

Michaela Müller, Leiterin des Kinder- und Jugendhospiz in Stuttgart – das einzige in Baden-Württemberg –, wies darauf hin, dass stationäre Angebote im Land ausbaufähig seien. „Die weite Anfahrt ist sehr anstrengend für die Kinder. Bundesweit sind wir aber mit ambulanten Kinderhospizdiensten gut aufgestellt.“

Für Tochter Anne ist das Hospiz wie Urlaub. Für Mutter Ursula Hofmann eine Auszeit, die sie als großes Geschenk wahrnimmt. Nun hat sie auch Zeit für ihre anderen drei Kinder. „Im Hospiz sind Profis, die immer wieder neue Ideen haben, wie man die Pflege verbessern kann. Wenn ich gehe, kann ich mich drauf verlassen, dass Anne hier in guten Händen ist.“

Das stationäre Kinder- und Jugendhospiz, das im Dezember 2017 in Trägerschaft des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart eröffnet wurde, ist täglich mit Familien in Kontakt, deren Kinder lebensverkürzend erkrankt sind. Im Hospiz begleiten sie das Kind bis in den letzten Phasen des Lebens, unterstützen die Eltern und kümmern sich um Geschwisterkinder.

Die ökumenische Aktion, „Woche für das Leben“ dauert bis zum 24. April 2021 und steht unter dem Motto „Leben im Sterben“.

Seit mehr als 20 Jahren steht die „Woche für das Leben“ für den Wert und die Würde des menschlichen Lebens und seinen Schutz in allen Lebensphasen. Sie will auf die vielfältigen Gefährdungen des menschlichen Lebens hinweisen und Menschen in Kirche und Gesellschaft für die Schutzwürdigkeit des Lebens in allen seinen Phasen sensibilisieren. Die „Woche für das Leben“ ist eine gemeinsame Aktion der Katholischen und Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie wurde bundesweit am 17. April 2021 in Augsburg eröffnet.

Der landesweite Festgottesdienst zum Abschluss der „Woche für das Leben“ findet am Samstag, 24. April 2021, um 18 Uhr in der Katholische Kirche St. Vitus in Ellwangen statt. Er wird online auf dieser Homepage und auf dem YouTube-Kanal der Diözese übertragen.

Die kompletten Statements der beiden Bischöfe können Sie hier herunterladen:

Bischof Fürst zur „Woche für das Leben 2021 – Leben im Sterben“

Landesbischof July zur „Woche für das Leben 2021 – Leben im Sterben“