Lebensqualität auf vielen Ebenen

So auch zum ersten „Tag der Katholischen Erwachsenenbildung“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, begangen am Dienstag, 9. Juni. Die „Katholische Erwachsenenbildung Diözese Rottenburg-Stuttgart e. V.“ hatte dazu am Dienstagabend ins Restaurant Martinshof nach Rottenburg eingeladen, über 90 Gäste waren der Einladung gefolgt – zu einem Benefizessen, zubereitet von Harald Wohlfahrt, dem prominenten Koch der Schwarzwaldstube der Traube in Tonbach. Anlass war auch die neue Namensgebung: Aus dem „Katholischen Bildungswerk“ wird die „Katholische Erwachsenenbildung“, und erstmals präsentiert sie sich in der ganzen Diözese mit einem gemeinsamen neuen Logo. Deshalb gebührte auch der Bildung ein wichtiger Platz an diesem Abend. Unter dem Motto „Was in aller Munde ist“ befragte der SWR-Moderator Uwe Mönninghoff den Spitzenkoch aus dem Schwarzwald und Bischof Gebhard Fürst nach Zusammenhängen zwischen Essen und Bildung. Mit der Feststellung, „ein gemeinsames Mahl gut zu gestalten verbindet Koch und Bischof“, wenn auch mit jeweils spezifischer Zuständigkeit, schlug der Bischof gleich zu Beginn die Brücke. An deren einem Brückenkopf wurden biblische Zusammenhänge thematisiert: Das gemeinsame Mahl spielt im Neuen Testament eine wichtige Rolle, weil – so Bischof Fürst – „Religion mitten im Leben statt findet“ und „das gemeinsame Mahl etwas Zentrales im Leben“ ist. Das Hochzeitsmahl sei ein zentrales biblisches Bild für den erlösten Menschen. Das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern habe in der Tradition des jüdischen Pesach-Mahls stattgefunden, sei aber auch ein Abschiedsmahl und ein Zeichen dafür gewesen, dass Jesus sein Leben mit den Menschen geteilt und für sie hingegeben habe, damit sie leben können. Das Mahl erhalte in diesem Zusammenhang eine transzendente Bedeutung: Leben zu teilen bedeute, eine neue Dimension des Lebens zu erfahren.

Harald Wohlfahrt, der nach eigenem Bekunden auch „eine gute Bratwurst liebt“, vielleicht sogar mit Curry, ist sich durchaus bewusst, dass sein Beruf etwas Besonderes ist und dass er mit seiner Spitzengastronomie einen Beitrag zur Kultur leistet. Andererseits hat er Verständnis für Menschen, die sich ein solches Preisniveau nicht leisten können. Und vom Hartz 4-Regelsatz könne man sich nicht qualitativ gut ernähren. Als Landwirtssohn ist er selbst in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Geschmack aber wurde schon früh geschult: Im heimischen Hof gab es Vieh, standen der Pfirsich-, der Apfel-, der Nussbaum. Er weiß, warum etwas Gutes gut schmeckt. Und für ihn als Koch ist „das Beste gerade gut genug“. Am liebsten ist es ihm, wenn es „vor der eigenen Haustür“ wächst, andererseits liegen die Bezugsquellen seiner Produkte in der ganzen Welt. Und für den Transport von Lebensmitteln gibt es heute keine Entfernungen mehr, weiß er.

Bischof Fürst predigt keinen Verzicht auf Esskultur. Er nennt es aber auch eine Fehlentwicklung, wenn das Gourmet-Essen zum Selbstzweck wird, während eine Milliarde Menschen weltweit vom Hungertod bedroht ist. „Christen sind keine Kostverächter“, betont der Bischof, „aber sie müssen auch im Kontext der Verantwortung für andere Menschen handeln.“ Der Export überschüssiger Lebensmittel aus Europa bedeute den Zusammenbruch der Landwirtschaft und der Märkte in Ländern der Dritten Welt. Unser Konsumverhalten müsse auf die Nachbarn Rücksicht nehmen – „und in einer globalisierten Welt ist jeder unser Nachbar“. Gentechnisch veränderte Pflanzen bergen, so der Bischof, unabwägbare Folgerisiken für das Ökosystem und für den Menschen in sich. Biosprit darf nicht auf Kosten von Monokulturen und Vernichtung tropischer Regenwälder produziert werden, nur um hierzulande dem schlechten ökologischen Gewissen ein Entlastungsalibi zu verschaffen.

Ein weit gespannter Bogen: vom Genuss und der Freude am guten Essen über die Religion, die Wirtschaft und die Ökologie bis hin zu politischen Fragen der sozialen Gerechtigkeit – „so stelle ich mir Bildungsarbeit vor“, betonte Moderator Uwe Mönninghoff und schloss damit den Kreis zum Anlass der Abendveranstaltung. Von „Kulturdiakonie“ sprach Bischof Gebhard Fürst und wies auf den Auftrag der Kirche hin, neben karitativem Engagement auch dafür zu sorgen, dass Menschen befähigt werden, über Bildung ihr Leben zu gestalten, Begleitung in ihren Sinn- und Existenzfragen und Hilfen gegen soziale Ausgrenzung zu erhalten. Die Hälfte aller Bildungs- und Kulturleistungen in Deutschland, so der Bischof, würden durch die evangelische und katholische Kirche erbracht. Die Kirchen könnten stolz darauf sein, was sie hier für die gesamte Gesellschaft leisteten.

Hermann Hohl, Präsident des Weinbauverbands Württemberg e. V. und Vizepräsident des Deutschen Weinbauverbands, erläuterte nicht nur die Trends des Weingeschmacks und die Sorgen der hiesigen Weinbauern, sondern führte die Gäste auch in die Weine ein, die er gemeinsam mit Meisterkoch Harald Wohlfahrt für das folgende Vier-Gänge-Menu ausgesucht hatte. Und die Gäste wussten ebenso wie Wohlfahrt, Hohl und Mönninghoff, welchem sozialen Anliegen sie ihren Beitrag gespendet hatten: dem Familienzentrum St. Stefan im Stuttgarter Westen. Es ist das erste Familienzentrum in Trägerschaft einer Gemeinde, der Stuttgarter Pfarrei St. Elisabeth. Diese Einrichtung bietet sozial benachteiligten Familien niederschwellige Bildungsangebote, die ihnen helfen, einen oft schwierigen Alltag zu bewältigen und soziale Ausgrenzung zu überwinden. Die Angebote richten sich an Familien, „die nicht in der Lage sind, an Veranstaltungen oder Kursen teilzunehmen - sei es aus finanziellen, zeitlichen oder sprachlichen Gründen“, so das Familienzentrum.