„Lieber Bereiche aufgeben als Opfer schaffen“

Leitbild müsse stets die „Menschengerechtigkeit“ sein, betonte Mieth am Mittwoch in Stuttgart bei einem Treffen mit Aufsichtsräten katholischer karitativer Stiftungen auf Einladung der Diözese. Kirchliche Organisationen dürften keine Strategien entwickeln, die Opfer schaffen, so der Moraltheologe. Es sei besser, ein diakonisches Arbeitsfeld aufzugeben, als Klienten etwa durch konkurrenzbedingt notwendige Personaleinsparungen leiden zu lassen. Die Kirche hat Mieth zufolge ein großes Potenzial an ehrenamtlichen Kräften. Sie gelte es stärker in die Strukturen einzubinden.

Mieth unterstrich, kirchliche Organisationen hätten die Aufgabe, besonders effizient den Menschen zu dienen. Dazu gehöre, dass Zuständigkeiten transparent und Arbeitsbereiche nicht zu kleinteilig ausgelegt seien. Als Prüfsteine für menschengerechte Strukturen nannte der Ethikprofessor Menschenwürde und Menschenrechte, die Bedürfnisse und Entfaltungsmöglichkeiten der Mitarbeiter sowie das christliche Menschenbild. Als Ratgeber empfahl Mieth den heiligen Augustinus. Laut dem Kirchenlehrer sei der Mensch durch die ihm erwiesene Gottesliebe befähigt, in der karitativen Arbeit die richtige Balance zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe zu finden.

Mit Blick auf mögliche Konflikte in karitativ-kirchlichen Organisationen sprach sich Mieth für eine „Beschwerdekultur außerhalb der Hierarchie“ aus. Nötig sei zudem, immer wieder zu überprüfen, ob in leitenden Positionen die richtigen Personen sitzen. Eine gute Organisationsstruktur müsse gewährleisten, dass Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse eingebunden sind und ihnen Respekt entgegengebracht wird. Eine gute Kommunikationskultur mache Vernetzung zwischen den verschiedenen Kompetenzbereichen möglich. Müssen Probleme gelöst werden, erfordert dies nach Auffassung Mieths seitens der Leitenden große Umsicht. „Es darf nicht sein, dass durch die Lösung eines Problems größere Probleme entstehen.“

Ordinariatsrätin Irme Stetter-Karp betonte, es sei notwendig, die Sensibilisierung für Entscheidungen zur Würde des Menschen nicht allein den Mitarbeitern zu belassen und sie damit letztlich zu überfordern. Nötig seien strukturierte Reflexions- und Kommunikationsorte wie Ethikkommissionen auch in Alten- und Behinderteneinrichtungen oder verbindliche Kooperationen zwischen Bereichen und Organisationseinheiten. Organisationsethik kann laut Stetter-Karp dazu beitragen, die wachsenden Herausforderungen im respektvollen Umgang mit Demenzkranken, im weiteren Aufbau von Palliativ Care, in Fragen von Beschwerdemanagement und den sensiblen Fragen rund um Patientenverfügung und passive Sterbehilfe zu bewältigen.