„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“

Rottenburg. 22. Mai 2015. Mit einer Feier in der Rottenburger Kirche St. Moriz hat Bischof Gebhard Fürst das Verfahren zur Seligsprechung des von den Nationalsozialisten 1945 hingerichteten katholischen Politikers Eugen Bolz eröffnet. Am Freitagabend stellte er in Bolz’ Heimatkirche das NS-Opfer als bereits früh von den Menschen verehrten Glaubenszeugen vor. Seine Predigt stellte der Bischof unter den Satz aus der Apostelgeschichte „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“. Diesem Appell habe Bolz zweifellos gefolgt. Während der Feier wurde das aus elf Personen bestehende Kirchengericht für den Prozess unter der Leitung des Offizials der Diözese vereidigt. Bolz soll als Blutzeuge für den christlichen Glauben, als Märtyrer, seliggesprochen werden.

Bischof Fürst betonte, Eugen Bolz sei neben dem von den Nationalsozialisten verfolgten Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll der zweite große Bekenner und Glaubenszeuge der württembergischen Diözese gegen das NS-Regime. Bolz stehe als Blutzeuge „ganz auf der Seite derer, die zur Selbsthingabe bereit sind“. Der Bischof zitierte aus einer Ansprache, die Bolz bereits 1924 in Bad Waldsee gehalten hatte: „Politik ist nichts anderes als praktisch angewandte Religion“. Die Erinnerung an Bolz lebe bis heute „in unserer ganzen Diözese und weit darüber hinaus fort“. Sofort nach seinem Tod sei Bolz als Märtyrer verehrt worden. Besonders jungen Menschen könne er Vorbild im Glauben sein als „Zeuge des Widerstands gegen ein zutiefst Gott und seine Schöpfung, den Menschen verachtendes Regime“.

Bolz wurde am 23. Januar 1945 nach dem Todesurteil durch den NS-Volksgerichtshof in Berlin-Plötzensee enthauptet. Der Leichnam des letzten württembergischen Staatspräsidenten wurde verbrannt, seine Asche zerstreut. Bolz war den Nationalsozialisten bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wegen seiner im christlichen Glauben gründenden Grundhaltung verhasst. Sie richteten den Politiker, der sich 1942 dem Widerstandskreis um Carl-Friedrich Goerdeler angeschlossen hatte, wegen Defätismus, Hochverrat und Feindbegünstigung hin. Bolz sollte Plänen des Goerdeler-Kreises zufolge nach dem Ende des Naziregimes Kulturminister in Deutschland werden. Bereits 1933 war Bolz schon einmal verhaftet worden. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Hohenasperg befasste er sich intensiv mit päpstlichen Sozialenzykliken und pflegte Kontakte zum Kloster Beuron. Auch beriet er den Caritasverband in Stuttgart.

Für eine Seligsprechung als Märtyrer müssen drei Kriterien erfüllt sein: die Tatsache des gewaltsamen Todes, der Glaubens- und Kirchenhass seiner Verfolger sowie die Bereitschaft des Glaubenszeugen, den Willen Gottes innerlich angenommen zu haben. Vom NS-Verfahren gegen Bolz liegen außer dem Urteil keine Dokumente vor; es existieren nur Fotos des hageren und gebeugten Mannes vor dem Präsidenten des NS-Volksgerichtshofs, Roland Freisler. Begleiter von Bolz berichten, unter anderen die ebenfalls hingerichteten James Graf von Moltke und Jesuitenpater Josef Delp, der Politiker aus Rottenburg sei seinen Weg konsequent in Ehrfurcht vor Gott gegangen. Sein Lebensmotto war Psalm 111 entnommen: „Die (Ehr)Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“. Diesen Psalmvers hatte er in die Tür seines Bücherschrankes eingravieren lassen. Folgender Satz ist von Bolz überliefert: „Es gibt keine größere Tugend als sich selbst zu überwinden und keine größere Weisheit als die Geringschätzung äußerer Ehren. Davon kommt die Größe und Überlegenheit vieler einfacher Menschen, dass ihnen der Glaube an den einen Gott alles klar und leicht macht.“

In der römischen Kirche San Bartolomeo auf der Tiberinsel, Gedenkkirche der Märtyrer des 20. Jahrhunderts, ist in einer Vitrine eine kleine Hostientasche zu sehen. Bolz’ Ehefrau Maria und Tochter Mechthild brachten an Silvester 1944 in dieser Tasche dem zum Tod verurteilten Ehemann und Vater die heilige Kommunion ins Gefängnis Plötzensee. Einen Monat zuvor, am Tag des Todesurteils, hatte Bolz Frau und Tochter geschrieben: „Ich habe mich innerlich, religiös in Monaten darauf eingestellt. Ich nehme es hin als das mir von Gott bestimmte Kreuz.“ Nach dem Überbringen der heiligen Kommunion notierte Ehefrau Maria: „Er ist so innerlich geworden, dass man förmlich fühlt, er lebt ganz in Gott.“