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„Mein Beitrag ist geleistet“

Dr. Matthias Ball spricht über seine Zeit am Institut für Fort- und Weiterbildung und über den nun beginnenden Ruhestand.  Bild: B. Zeimantz

Dr. Matthias Ball geht in den Ruhestand. Bild: B. Zeimantz

Matthias Ball vom Institut für Fort- und Weiterbildung der Diözese wird in den Ruhestand verabschiedet.

Im Interview blickt Dr. Matthias Ball vom Institut für Fort- und Weiterbildung der Diözese Rottenburg-Stuttgart kurz vor seiner Verabschiedung zurück. Am Donnerstag, 28. Januar 2021, wird er bei einer virtuellen Feier in den Ruhestand verabschiedet. Laut Bischof Dr. Gebhard Fürst, der dabei ein Grußwort spricht, sind „Mann des Dialogs und Konfliktlöser“ die Schlagworte, die Dr. Ball treffend beschreiben. „Mit hoher fachlicher Kompetenz und einer enormen Eloquenz hat er nicht nur Gemeinden in pastoralen Fragen beraten. Sein ureigener Esprit, gewürzt mit je einer Prise Humor und Schlagfertigkeit sind die Zutaten, mit denen er jedes auch noch so kontroverse Thema als Moderator meisterte“, sagt der Bischof.

Herr Dr. Ball, nach über 40 Dienstjahren heißt es für Sie nun Abschied nehmen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Matthias Ball: Ich fühle mich heiter, entspannt und gelassen, weil für mich der ‚Arbeitsbogen‘, der sich in diesen 40 Jahren weit gespannt hat, an ein gutes Ende gekommen ist, gleichsam wieder auf dem Boden aufsetzt. Ich fühle mich angekommen, mein Beitrag zu einer Kirche mit einem ‚professionellen Gesicht‘ ist geleistet; jetzt können andere übernehmen.

Gibt es etwas, das Sie vermissen werden?

Tolle Kolleginnen und Kollegen, wobei ich mit KollegInnen jetzt alle Hierarchiestufen meine. Ich habe ausgesprochen versierte Sekretärinnen erlebt; ich habe in ganz unterschiedlichen Abteilungen Menschen getroffen und mit ihnen für diese Diözese Ideen, Konzepte, Fortbildungen, Prozesse oder Veranstaltungen entwickelt und durchgeführt, die einfach stimmig und gelungen waren; und ich habe zwei Chefs im Institut beziehungsweise Hauptabteilungsleiter und Hauptabteilungsleiterinnen bis hin zum Bischof erlebt, die meine Arbeit unterstützt und meine Kompetenz genutzt beziehungsweise gefördert haben.

Haben Sie schon Pläne für den Ruhestand gemacht?

Pläne für den Ruhestand habe ich bewusst nicht; ich habe jahrelang für die Kursarbeit von sehr langfristigen Planungen gelebt und einen sehr getakteten Kalender weit im Voraus geführt. Das hat viele spontane Möglichkeiten verhindert, von daher suche ich hier jetzt die Musterbrechung und lasse auf mich zukommen, was kommt. Außerdem muss jetzt meine Frau mit ihren Wünschen gut zum Zug kommen können. Ich breche aber nicht abrupt mit der Arbeit, das tut auch nicht gut, sondern habe noch den einen oder anderen Beratungsauftrag. Ich habe immer mit viel Lust und Freude gearbeitet, warum soll ich das nicht in aller Freiheit fortsetzen? Ich will es für mich mal so sagen: Die Person geht in den Ruhestand, Erfahrung und Kompetenz bleiben ja erhalten.

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart waren Sie viele Jahre eng in die Führungskräfteentwicklung eingebunden. Was war Ihnen dabei besonders wichtig?

Führungskräfteentwicklung lebt von zwei Polen, einmal der Entwicklung der jeweiligen Person und dann der Wirkung dieser Person in die Organisation hinein. Erst wenn beides zusammenkommt, zusammen kommen kann, dann ist eine Führungskräfteentwicklung nachhaltig. Wichtig war mir also immer dieser Zusammenhang, wobei ich von der Didaktik her Wert darauf gelegt habe, von der Person auszugehen. Wer als Person in seiner Kompetenz gesehen und wertgeschätzt wird, der ist auch bereit, sich in die Entwicklung der Organisation einzubringen. Ein zweites muss dann noch hinzukommen, ein Einzelner verändert selten eine Organisation, von daher ist die Vernetzung mit anderen wichtig. Dann aber nicht nur mit denen, die mir sympathisch sind, sondern mit denen, die in gleicher Funktion in der Organisation tätig sind. Ein drittes ergänzt das, der Austausch mit Führungskräften aus anderen Organisationen, denn für die Führung gibt es Grundkonstanten wie Führen wollen, Transparenz, Mut zur Entscheidung, die in allen Organisationen gleich sind. Insofern hilft der Austausch mit anderen. Insofern war mir zum Beispiel der Leitungskurs für Pfarrer in Kooperation mit der Erzdiözese Freiburg ein wichtiger Baustein. Noch mehr gilt das für die in ökumenischer Partnerschaft getragene Fortbildung ‚Kirchliche Organisationen entwickeln – Kommunikation gestalten – als Berater, Führungskraft‘.

Wo, denken Sie, werden in diesem Bereich in Zukunft die Schwerpunkte liegen?

Ich meine der Vernetzungsgedanke wird für die Führungsentwicklung wichtiger werden, zum Beispiel bei den Dekanen. In der letzten Runde der Führungsentwicklung haben die Dekane das Angebot intensiv für das eigene Lernen genutzt, eine daraus entstehende Bewegung auch für die Dekanekonferenz als ein Leitungsbaustein in der Diözese habe ich weniger gesehen. Gleiches gilt für das Lernen von Führungspersonen aus unterschiedlichen Bereichen, also der Verwaltung, der Pastoral, den Kliniken, den Schulen – hier liegt für mich ein noch zu entwickelnder Schwerpunkt, bei dem man Partnerinnen und Partner braucht, die weniger das Spezifische der eigenen Einrichtung sehen, sondern den gemeinsamen Auftrag, der Kirche in dieser Diözese ein professionelles Gesicht zu geben. Gut gefällt mir in dieser Richtung, dass im neuen Qualifizierungskurs für Berater und Führungskräfte auch jemand aus der Abteilung Weltkirche teilnimmt und so eine Öffnung zum Beispiel für die Teilnehmer aus der Pastoral passiert.

Ein weiterer Schwerpunkt Ihrer Arbeit war die Organisationsberatung. Ein Patentrezept gibt es da sicher keines, aber im Spannungsfeld zwischen dem Trend hin zu größeren Zusammenschlüssen und dem Erhalt der Heimatgemeinden vielleicht doch eine Richtung?

Nein, ein Patentrezept gibt es nicht und die von mir vertretene systemisch orientierte Organisationsberatung hat auch keines. Sie besticht durch die ‚Kompetenz des Nichtwissens‘ – wie wir das in unserer Sprache sagen. Damit ist gemeint, wie die Lösung aussieht, muss das System, das müssen die Gemeinden in einer Stadt wie Ulm, wo jetzt ein Prozess aufgesetzt ist, selbst entwickeln. Die Lösung muss ja zu ihnen passen, nicht zum Berater. Im Bonmot würde das lauten; der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Und was braucht es dazu aus Ihrer Sicht?

Bei der ‚Kompetenz des Nichtwissens‘ will ja nicht gesagt sein, wir wissen nichts, also können wir nichts beziehungsweise nicht hilfreich sein. Wir Beraterinnen und Berater bringen genau das ein, was das System selbst nicht hat, nicht haben kann. Unsere Expertise zeichnet sich durch Neugier aus, durch Beobachtungen und Fragen, die das System anregen, über das nachzudenken, was es bislang – Stichwort blinder Fleck oder ‚man sieht nur, was man kennt‘ – noch nicht bedacht hat.

Gibt es in dem Zusammenhang gelungene Beispiele, an die Sie sich gerne zurückerinnern?

Ja, ich habe in den vielen Jahren Gemeinden und Verantwortliche erlebt, wo diese Anregungen, wie ich sie gerade beschrieben habe, zu Entwicklungsschritten geführt haben. Doch wo ich war und mit wem ich gearbeitet habe, erzähle nicht ich, sondern, wenn die Betroffenen selbst. Auf die Geburt des Kindes sind ja zu Recht die Eltern stolz, die Hebamme hat ihre Arbeit getan, sie war dabei – und ich verstehe mich als Berater in solchen Prozessen als Hebamme.

Aber anknüpfend an die ‚Instrumente der systemischen Beratung‘ kann ich doch Beispiele nennen. Wir befragen auch Muster, die bislang in einer Organisation gelten unter der Perspektive, hilft es noch, ist es noch nützlich oder könnte es etwas anderes geben? Und da hat der diözesane Prozess aus meiner Wahrnehmung gerade so ein Muster aufgegriffen und verändert. Galt lange Zeit das Muster, Kirche ist dort, wo Gemeinde sich versammelt – also ‚Kirche am Ort‘, schaut die Diözese jetzt weiter und formuliert die Ergänzung – ‚Kirche an vielen Orten‘. Das verstehe ich unter einer Musterunterbrechung beziehungsweise Mustererweiterung. 

Über die Jahre waren Sie auch immer wieder ein gefragter Moderator, wenn es um schwierige Themen ging. Wie kam es dazu?

Wenn Sie wissen wollen, wie es dazu kam, müssen Sie diejenigen fragen, die mich angefragt und beauftragt haben. Natürlich war im Institut für Fort- und Weiterbildung, bei Kursen, in Gremien wie der AG Stellenplanung/Seelsorgeeinheit, in die ich 2002 berufen wurde, immer wieder deutlich geworden, dass ich gut kommunizieren, formulieren und moderieren kann. Das habe ich mit aller Selbstverständlichkeit getan und so meine Erfahrungen mehr und mehr ausbauen können. Dann aber doch überraschend hat mich Bischof Fürst 2010 beim Konflikt mit den Sängerknaben der Domsingschule zur Moderation für ein Gespräch mit diesen dazu gebeten. Daraus wurde dann eine Bitte und Beauftragung, zusammen mit anderen den Konflikt anzugehen und einer Lösung zuzuführen. Zusammen mit Weihbischof Kreidler und Hermann Steur, dem damaligen Geschäftsführer des Diözesanrats, haben wir – mit einer kleinen Expertengruppe – die Sache wohl so zur Zufriedenheit des Bischofs lösen können, dass es nicht bei einer einmaligen Anfrage blieb.  Das war aus meiner Wahrnehmung der Beginn für immer weitere Anfragen durch den Bischof. Dazu kamen Gespräche in öffentlicher Runde mit schwierigen Themen.  Und manchmal kam auch Auftrag – meist zusammen mit Domkapitular Hildebrand –  dorthin zu gehen, wo man jemand brauchen konnte, der nicht unmittelbar betroffen ist, aber genügend Kompetenz und Humor mitbringt, um den Ball wieder flach zu halten.

Ist Ihre Tätigkeit als Moderator auch der Grund, weshalb sich Bischof Fürst bei Ihrer Verabschiedung, die coronabedingt virtuell stattfinden muss, mit einem Grußwort zuschalten wird.

Ich freue mich, dass der Bischof zu meiner Verabschiedung kommt beziehungsweise sich mit dem Grußwort dazu schaltet. Aus Gesprächen mit ihm selbst weiß ich gut genug – gerade noch aus jüngster Zeit –  dass er mich und meine Arbeit schätzt und ich sein Vertrauen über viele Jahre in dieser Funktion hatte. Dafür bräuchte es sein Kommen für mich nicht – doch es freut mich ungemein, dass er meine Verabschiedung wählt, um das auch noch öffentlich auszusprechen. Das empfinde ich als starkes Zeichen seinerseits.

Die Verabschiedung:

Nachdem die Verabschiedung von Dr. Matthias Ball coronabedingt nicht als Präsenzveranstaltung stattfinden kann, wird sie am Donnerstag, 28. Januar 2021, online ausgerichtet. Laut Thomas Fliethmann, Direktor des Instituts für Fort- und Weiterbildung der Diözese, werden rund 30 Teilnehmer zu der Onlineveranstaltung erwartet, bei der es auch Livemusik geben soll. Bischof Dr. Gebhard Fürst spricht ein Grußwort. Er sagt: „Ich selbst wusste stets, wenn Matthias Ball moderiert, bin ich gefordert, aber am Ende wird ein fairer Konsens erzielt sein. Ich danke Herrn Dr. Ball für sein enormes Engagement am Institut für Fort- und Weiterbildung."

Zur Person:

Matthias Ball ist knapp 66 Jahre und in Ludwigshafen am Rhein geboren. Nach dem Theologiestudium in Mainz und Freiburg absolvierte er in Freiburg die Ausbildung zum Pastoralreferent und promovierte unmittelbar danach in Liturgiewissenschaft und Pastoraltheologie. 1991 kam er in die Diözese Rottenburg-Stuttgart und übernahm auf Wunsch von Bischof Walter Kasper die neu eingerichtete Stelle für Erwachsenenkatechese und Erwachsenenkatechumenat. Durch interne Aufgabenverschiebung im Institut für Fort- und Weiterbildung übernahm er nach dem Ausscheiden von Bruno Ernsperger 1999 die Unterstützungssysteme Supervision und Organisationsberatung. Gleichzeitig war er für Kurse im Bereich der Personalentwicklung der pastoralen Dienste, vor allem der Pfarrer und Dekane sowie der Pastoralen Ansprechpersonen zuständig. Matthias  Ball ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau Grit drei erwachsene Töchter und mittlerweile auch drei Enkel. „Diese Enkel freuen sich darauf, dass der Opa zusammen mit der Oma jetzt viel Zeit für sie hat“, sagt Ball.