„Mission will nicht Sklaverei durch Gesetzlichkeit, sondern freie Christenmenschen“

Sie repräsentierten nicht nur vielfältige Aufgabenbereiche, in denen sie tätig sind, sondern auch die Alterspalette des Klerus der Diözese. Junge Vikare, die am Anfang des Berufs stehen, waren vertreten. Und der 95-jährige Pfarrer Karl Braun aus Rottenburg-Ergenzingen sowie der 94-jährige Pfarrer Gebhard Luiz aus Schwäbisch Gmünd waren nicht nur die ältesten Teilnehmer der Veranstaltung, sondern gehören zu den drei ältesten Priestern der Diözese überhaupt. Ältester Diözesanpriester ist der heute in Isny lebende 96-jährige Pfarrer Josef Reutlinger.

Die „missionarische Kirche“, so der Leitgedanke Bischof Gebhard Fürsts für die Seelsorge in seiner Diözese, stand im Zentrum der theologischen Vorträge und Diskussionen des Priestertags. Das Paulus-Jahr, das die katholische Kirche zur Zeit begeht, gab diesem Thema einen besonderen Akzent. „Paulinische Perspektiven“ zu einer „missionarischen Kirche im Volk“ zeigte der in Rottenburg-Kiebingen lebende Neutestamentler Wilfried Eisele auf. Am Beispiel des Völkerapostels machte er deutlich, dass es bei dem Missionsgedanken nicht um die „zwanghafte Aufrechterhaltung volkskirchlicher Strukturen“ gehe, sondern darum, „in einem nicht-christlichen oder entchristlichten Umfeld Sauerteig des Glaubens an Jesus Christus“ zu sein. An der Missionstätigkeit des Paulus zeigte der Referent „die unaufgebbaren Kriterien der Mission auf: dass sie „nicht Sklaverei durch Gesetzlichkeit, sondern den freien Christenmenschen will“. Die „Entgrenzung des Evangeliums über Israel hinaus“, so Eisele, sei keine vorsichtige Öffnung der christlichen Botschaft gewesen, sondern habe „die notwendige Voraussetzung“ dafür geschaffen, „dass aus einer Strömung des Judentums ein die ganze Welt in Anspruch nehmender Glaube werden“ konnte. Die „systematische Heidenmission des Paulus“ sei „eine Neuerung ungeahnten Ausmaßes“ gewesen und habe durch den Verzicht auf die grundlegendsten Merkmale des jüdischen Glaubenslebens „eine beispiellose Dynamik entfaltet“. Es sei ihm darum gegangen, „Juden und Heiden in der einen Kirche Jesu Christi zusammenzuführen, ohne dabei die Unterschiede in ihrer religiösen Praxis völlig zu nivellieren“, sagte Eisele. Das beide Gruppen Verbindende sei die christliche Liebestätigkeit für die Notleidenden gewesen.

Das Zentrum der Botschaft des Apostels Paulus sei das Kreuz und der gekreuzigte Jesus von Nazareth gewesen, unterstrich Eisele und betonte: „Dieser harte Kern des Christseins ist für Werbezwecke schlicht ungeeignet“. „Wenn das Evangelium Jesu Christi in unserer Gesellschaft oft so wenig Anziehungskraft entfaltet“, so die Analyse des Referenten, „dann vielleicht deshalb: Das Kreuz ist und bleibt nach menschlichen Maßstäben eine Torheit“. Die christliche Weisheit könne „die Gebrochenheit der Welt, in der wir leben, nicht wegerklären“, sagte Eisele, und: „Die Christen sind bei aller charismatischen Begeisterung der Mühsal dieser Welt nicht einfach enthoben.“ Und er merkte zu aktuellen Bewegungen im Christentum kritisch an: „Wo charismatische Begeisterung für Christus die Menschen bewegt, muss man nicht selten fragen, ob diese Anhänglichkeit dadurch erkauft wurde, dass man zuvor das Kreuz als Kern des Evangeliums preisgegeben hat.“

Bischof Fürst: Dialog auf Augenhöhe

Für Bischof Gebhard Fürst besteht die Faszination des Paulus darin, dass bei diesem „Botschaft und Person, eigene Erfahrung und bezeugter Glaubensinhalt völlig zusammenfallen“. Das mache ihn authentisch und glaubwürdig. Auch die Nähe und Vertrautheit zu den Menschen, die oft in den Briefen des Paulus durchklinge, sei ein wesentliches Moment seiner Verkündigung, das zu seiner Stärke und Überzeugungskraft beitrage. Als „missionarische Kirche“ zu leben, so schlug der Bischof den Bogen von Paulus zum heutigen Auftrag der Kirche, sei „weniger ein Programm, als vielmehr ein Profil“, „weniger institutioneller Rahmen als vielmehr eine begeisternde Lebenspraxis“. Es dürfe im Leben der Kirche nicht um „die Verwaltung kalter Asche“ gehen, sondern gefragt seien „bewusst gestaltete und geprägte Grundhaltungen, denen das Feuer anzuspüren ist“. Besonders hob Bischof Fürst bei dem Völkerapostel Paulus ein „grundlegend offenes Interesse“ hervor; dies bedeute eine „sympathische Teilnahme am Leben der Menschen, Offenheit den verschiedensten Lebenswelten gegenüber“. Um „Kommunikation auf Augenhöhe“ müsse es der Kirche auch heute gehen. Die Bereitschaft zum Dialog bedeute „die Fähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen und Leben und Welt aus seinen Augen und mit seiner Geschichte wahrzunehmen“, betonte der Bischof. An Paulus lasse sich „Mut und Risikobereitschaft ablesen, sich auf die Fremden und das Fremde einzulassen und diese grenzüberschreitende Position vor den eigenen Insidern zu vertreten“.