„Mit Martin über Grenzen“

Jetzt war eine Delegation aus Ungarn in Rottenburg zu Gast, um die letzten Details der Pilgerfahrt zu klären. Unter dem Leitwort „Mit Martin über Grenzen“ fahren vom 21. bis 25. Mai 450 Frauen und Männer über die österreichischen Martinsorte Linz und Eisenstadt
nach Szombathely, ins frühere Steinamanger.

Bewusst wählten die Organisatoren das grenzüberschreitende Motto, steht der heilige Martin doch in mehrfacher Hinsicht für Weite und Offenheit. So ist sein Bild nicht nur geprägt von der allgemein bekannten Mantelteilung, mit der er dem frierenden Bettler aus der Not half. Allein schon sein Lebensweg vom ungarischen Geburtsort über die Jahre seiner Jugend im oberitalienischen Pavia und Mailand, die Zeit als Soldat in Gallien bis zur Taufe und seinem entschiedenen christlichen Einsatz als Mönch und Klostergründer sowie ab 371 als Bischof von Tours zeigen einen überzeugenden christlichen „global player“, genauer „european player“.

In den Augen von Domkapitular Uwe Scharfenecker, Kirchenhistoriker und einer der geistlichen Begleiter der Diözesanwallfahrt, steht der heilige Martin für Gottesliebe, Toleranz und unbedingte Menschen- und Schöpfungsfreundlichkeit. Nach seinen Worten schildern die biographischen Schriften des Sulpicius Severus Martin als einen Menschen, der sich mit viel Zivilcourage auch gegen innerkirchliche Konventionen stellte.

Als Beispiel nennt Scharfenecker Martins Eintreten für Priscillian, den Anführer einer Bewegung, die von Kirche und Kaiser als häretisch verurteilt worden war. Heftig protestierte Martin bei Kaiser Maximus dagegen, dass dieser Priscillian trotz Zusicherung freien Geleits 385 hatte hinrichten lassen, und brach den Kontakt zu seinen Mitbischöfen ab, die die Verurteilung begrüßten. Martins Schöpfungsfreundlichkeit spiegelt sich in der von Sulpicius Severus überlieferten Erzählung vom Hasen, den der Wundertäter Martin vor wilden Hunden rettete, seine Menschenfreundlichkeit in zahllosen Krankenheilungen. Für Martin gab es keine Grenzen, für ihn galt allein das Prinzip der Liebe, das dem christlichen Glauben half, im fränkischen Raum stabile Wurzeln zu schlagen.

Diese Spuren verfolgen die Wallfahrer aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart in einer Zeit, in der Europa um seine Identität ringt. In der Wallfahrerschar aus Württemberg finden sich ganz unterschiedlich geprägte Menschen. Neben Pilgern aus Kirchengemeinden und Verbänden nehmen Obdachlose aus der Stuttgarter „Franziskusstube“ der Franziskanerschwester Margret unter dem Leitwort „Mit Martin über Grenzen“ ebenso teil wie blinde Menschen von den Werkstätten des Klosters Heiligenbronn. Bischof Gebhard Fürst will im westungarischen Szombathely grenzüberschreitend den Ungarn Dank sagen – auch dafür, dass sie 1989 die Öffnung des Eisernen Vorhangs ermöglichten und so Europa eine Zukunftsperspektive schenkten.