„Mitleiden, wo es Not tut“

Gleichzeitig warnte er vor überzogener Selbstsicherheit. Gläubige seien oftmals in der Gefahr so zu tun, als ob sie selbst nicht verloren gehen könnten. Wachsamkeit und Selbstkritik seien aber stets erforderlich.

Der Bischof ermutigte dazu, ein Gespür für die Wirklichkeit hinter menschlichen Fassaden zu entwickeln. Hinter vorschnellen Bemerkungen und lauten Tönen verberge sich zuweilen tiefe Verzweiflung; manches fröhliche Gesicht verdecke nur die Verlorenheit, die Menschen unter Menschen oft spüren. Jeder Mensch bedürfe der liebenden Fürsorge und des geduldigen Nachgehens durch andere. So werde die „übermäßige Liebe Gottes“ spürbar.

Im Rahmen eines Herbstfestes am Nachmittag im und um den Stuttgarter Dienstsitz des Bischofs, im Haus der Diözese „Stella Maris“, stellte der Gastgeber die neu eingerichtete Ausstellung zur Geschichte des Jugendstilhauses an der Hohenzollernstraße vor. 20 von dem im März verstorbenen Prälaten Paul Kopf zusammengestellte Bildtafeln rücken vor allem die Geschichte des 1920 von der Fabrikantenwitwe Andresen der Kirche geschenkten Hauses in der NS-Zeit in den Blick.

Das Haus war über Jahrzehnte geprägt durch die Jesuiten, den weltweit größten katholischen Orden. Sie unterhielten dort von 1920 bis 1972 ihre Stuttgarter Niederlassung. Hier gründeten sie die Stuttgarter Gruppe des katholischen Jugendverbandes Bund Neudeutschland (ND), der später von den Nationalsozialisten verboten wurde. Prominenteste Patres waren damals Mario von Galli und Eduard Haups. Beide wurden vom damaligen Bischof Joannes Baptista Sproll ausdrücklich beauftragt, sich mit Alfred Rosenbergs „Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts“ (1930) kritisch auseinanderzusetzen, der für die Nationalsozialisten zur Programmschrift wurde. In der Stuttgarter St.-Eberhards-Kirche und vielen Städten der Diözese predigten von Galli und Haups gegen den Ungeist dieses Machwerks. 1935 wurde von Galli ausgewiesen und ging in die Schweiz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde „Stella Maris“ Anziehungspunkt für Tausende katholische Stuttgarter. Das Haus war in dieser Zeit wesentlich geprägt durch die Patres Franz-Xaver Daschner und Josef Jaksch. Sie bauten die Caritas in der Stadt auf. 2004 beendet der Orden seine Präsenz in der Landeshauptstadt. „Stella Maris“, das nach 1975 die Kroatische Katholische Mission beherbergte, dient seit 2001 als Stuttgarter Dienstsitz des Bischofs der Diözese Rottenburg-Stuttgart .