Moderne Bauten, in denen historisches Gedächtnis verankert ist

Dies hat Generalvikar Clemens Stroppel am Donnerstag, 29. Juli, bei einer Ortsbegehung mit Medienvertretern betont. Gemeinsam mit Architekt Professor Arno Lederer vom Stuttgarter Architekturbüro Lederer, Ragnarsdóttir, Oei erläuterte Stroppel, die historischen Gebäude des ehemaligen Jesuitenkollegs und des Rohrhalder Hofs würden künftig mit drei Neubauten ein zusammenhängendes Gesamtensemble bilden. Dazu gehöre ein zentrales Eingangsgebäude, das Büro- und Tagungsräume enthält, mit einer Empfangshalle für Veranstaltungen geeignet sei und zugleich den Zugang zu den anderen Gebäudeteilen „exzellent“ erschließe, wie Lederer betonte. Vor dem Palais wächst ein lang gestrecktes Gebäude für das Diözesanarchiv empor, das zwei Stockwerke in die Erde hineinreicht und dessen oberirdische Etage Bibliothek und Lesesaal enthalten wird. Stellfläche für 18 km Archivalien bietet das neue Gebäude, das reicht nach heutigen Berechungen für 30 Jahre, wie der Generalvikar erläuterte. Und schließlich entsteht hinter dem Palais ein langer Gebäuderiegel, der künftig Platz für 130 Büros bieten wird.

Man habe mit diesen Planungen die alte historische Struktur aufgegriffen und so in der Architektur auch die Erinnerung an die Rottenburger Stadtgeschichte umgesetzt, so Generalvikar Stroppel und Professor Lederer. Das zentrale Eingangsgebäude werde das gleiche Bauvolumen umfassen wie die ehemalige Collegiumskirche St. Joseph, die an dieser Stelle gestanden ist. Und auch Architekturformen der im Stil des Vorarlberger Barock gebauten ehemaligen Kirche werden in der Fassadengestaltung und im Innern des Gebäudes zitiert und „im Gedächtnis verankert“, so Lederer. Ebenfalls dem historischen Vorbild folgt das neue Archivgebäude, an dessen Stelle zur Zeit des Jesuitenkollegs eine hohe geschlossene Mauer den Abschluss zur Oberen Gasse hin bildete. Und das neue Verwaltungsgebäude, das hinter dem alten Palais parallel zu diesem in die Höhe wächst, folgt exakt der Linie der ehemaligen Stadtmauer. Die jetzigen Planungen seien also keine Erfindung, betonte Arno Lederer. „Irgendwie hat sich schon früher irgendjemand etwas überlegt“, dem die heutigen Planer folgten und feststellten, dass dadurch eine bauliche Harmonie entstehe, so der Architekt.

Den Betonmauern soll künftig eine gemauerte Klinkerfassade vorgebaut werden, die zu einem Viertel aus alten Ziegeln besteht. Auch hier, so Lederer, werde eine in Rottenburg übliche Bauform „weitergebaut“. Diese Lösung diene in mehrerer Hinsicht der Nachhaltigkeit. Sie garantiere eine Standzeit von mindestens 100 Jahren, bedürfe keiner Pflege und sei von hoher Energieeffizienz. Aber auch die „kulturelle Nachhaltigkeit“, eine gewisse Treue zu historisch gewachsenen Gebäudeformen und Baustrukturen, sei bei den Überlegungen von Bedeutung.

Ökologische Nachhaltigkeit steht auch bei der künftigen Haustechnik und Energieversorgung im Vordergrund, wie Generalvikar Stroppel beim Gang durch das Innere des alten Palais’ betonte. Man habe festgestellt, dass die etwa einen Meter starken Mauern eine Isolation nach außen nicht erforderlich machten. Wärmedämmung sei lediglich bei den Fenstern und zum Dachboden hin vorzunehmen. Auch werde man vollständig auf erneuerbare Energie setzen: ein Blockheizkraftwerk werde mit Pellets beschickt, die Kühlung werde durch Wärmeumwandlung erzielt, für das Brauchwasser in den Toiletten werde Regenwasser genutzt und auf Durchlauferhitzer bei den Wachbecken in den Toiletten verzichte man ganz.

An der Südfassade, so Stroppel, werde die ehemalige Tür und die Freitreppe wieder an der Stelle angebracht, an der 1938 die nationalsozialistischen Horden das Palais zu stürmen versucht hatten und von wo aus Bischof Sproll zwangsweise aus der Diözese entfernt wurde. So wolle man das Gedenken an den Bekennerbischof und die Erinnerung an die geschichtlichen Ereignisse in lebendiger Weise wach halten.

Mit dem jetzigen Stand der Baumaßnahmen liege man sowohl zeitlich als auch finanziell voll im Plan, erläuterte der Finanzdirektor der Diözese, Dietmar Krauß. Da man die Finanzierung langfristig geplant und die erforderlichen Rückstellungen getätigt habe, müssten die Kosten in keiner Weise durch Einschränkungen in anderen seelsorgerlichen oder sozialen Aufgaben aufgebracht werden.

Eine „geschichtliche Reminiszenz“ wollte Generalvikar Stroppel seinen Zuhörern nicht vorenthalten: Der Ort, wo jetzt das historische Bischöfliche Palais steht, gebe Zeugnis von einer siebentausendjährigen Siedlungsgeschichte, die bis in die Jungsteinzeit zurückreiche. Es sei „ein erhebendes Gefühl“, so Stroppel, daran weiter zu bauen.

Dr. Thomas Broch