Mögliches Modell für gesamte Kirche

Das in der württembergischen Diözese bestehende Modell mit überdurchschnittlich klaren und strengen Regularien und einer unabhängigen Kommission Sexueller Missbrauch (KSM) könne Vorbild für andere Diözesen sein, sagte der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Robert Antretter am Donnerstagabend in Stuttgart an der Akademie der Diözese. Der heutige Bundesvorsitzende der Lebenshilfe äußerte sich zusammen mit weiteren Experten bei einer Podiumsrunde „Nicht wegschauen“.

Antretter räumte ein, dass ein offensiver Umgang mit dem Thema zu höheren Zahlen von Anzeigen führen könne, da die Bereitschaft zur Anzeige gegenüber einer unabhängigen Kommission wachse und jeder noch so geringe Verdacht auf den Tisch komme und akribisch geprüft werde.

Der Politiker dankte Bischof Gebhard Fürst, der 2002 Regularien und KSM in Kraft gesetzt hatte. „Lieber Transparenz als der Weg einer scheinbaren Vertraulichkeit, auch wenn das auf dem Papier höhere Verdachtszahlen geben kann.“ Bischof Fürst sei in jedem bisherigen Verdachtsfall den Empfehlungen der KSM gefolgt. Antretter warnte vor Pauschalisierungen. Es dürfe nicht sein, dass die gesamte Kirche und ihre Seelsorger unter Generalverdacht gestellt würden.

Dr. Norbert Reuhs, Kirchenjurist der Diözese und fallweise mit der Aufklärung von Verdachtsfällen betraut, bestätigte Antretters Position und erläuterte die von 2002 bis zur bundesweiten Medienberichterstattung der vergangenen Wochen aufgelaufenen Verdachtsfälle. Von den insgesamt 23 bei der KSM eingegangenen Anzeigen, die teils bis in die 60er Jahre zurückreichen, hätten letztlich vier zu zivilrechtlichen Verurteilungen geführt. Die KSM, so Reuhs, begleite und prüfe seine Ermittlungen streng. Tätern, die noch nicht im Visier der Staatsanwaltschaft seien, rate die Diözese zur Selbstanzeige. In besonders schweren Fällen, von denen bisher in der Diözese noch keiner vorgekommen sei, behalte sich die Diözese grundsätzlich eine Anzeige vor.

Psychiater: Schutz durch intakte Beziehungen

Der Biberacher Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Christof Funk bezeichnete jeden Kindesmissbrauch als „zwischenmenschliche Katastrophe“. Besonders schwer wögen Missbräuche durch Geistliche, weil sie religiös verbrämt würden. Laut Funk ist Pädophilie eine sexuelle Veranlagung, die nicht heilbar ist, aber mit der Betroffene ohne Übergriffe zu leben lernen könnten. „Die meisten Betroffenen leben diese Neigung nicht aus, wenn sie in einer intakten Beziehung stehen.“

Der für Kleriker zuständige Personalchef der Diözese, Domkapitular Paul Hildebrand, erinnerte an die Fürsorgepflicht des Bischofs gegenüber Opfern und gegenüber Tätern. Geeignete Lösungen müssten gesucht werden, zunächst über den Kontakt mit dem Angeschuldigten, eine Auszeit, ein psychiatrisches Gutachten, durch Therapie, Auflagen und Verhaltensregeln. Je nach Befund entscheide letztlich der Bischof in Abstimmung mit der Glaubenskongregation in Rom, ob und wie der Täter weiter eingesetzt werden kann. Der Beschuldigte verpflichte sich zu regelmäßigen Terminen mit einem geistlichen Begleiter und zu Kontrollgesprächen mit dem Personalreferat.

Der Personalverantwortliche für Laien im kirchlichen Dienst, Direktor Hermann-Josef Drexl, bestätigte, dass beschuldigte Nichtkleriker in der KSM nach den gleichen Maßstäben behandelt werden wie Kleriker und gegebenenfalls eine Entscheidung auf der Basis des Dienst- beziehungsweise Beamtenrechts getroffen wird.

Auf ein in den vergangenen Jahren in der Diözese Rottenburg-Stuttgart deutlich verändertes Aufnahmeverfahren für Priesteramtskandidaten wies der Direktor des Wilhelmsstiftes, Martin Fahrner, hin. Dazu gehörten Eingangsgespräche unter Beteiligung einer Psychologin, eine verpflichtende dreitägige Veranstaltung zum Thema Sexualität und persönliche Reife sowie Gespräche mit dem Spiritual und den Studenten untereinander. Die beste Prüfung sei allerdings das Leben in der Gemeinschaft des Wilhelmsstifts. „Es ist gut, wenn in der Hausgemeinschaft möglichst viele Augen hinschauen.“

Ja, er fühle sich als ehelos lebender Priester durch die aktuelle Berichterstattung ungerechtfertigt an den Pranger gestellt, bestätigte Pfarrer Herbert Schmucker, Sprecher des Priesterrates der Diözese. Er erinnerte unter Zustimmung der Expertenrunde auf dem Podium an gesicherte Erkenntnisse, dass der priesterliche Zölibat im Vergleich zu anderen Personen- und Berufsgruppen nicht zu mehr sexuellen Übergriffen auf Kinder führe. Im Gegenteil, ihre spezielle Lebensführung und eine Einbindung in Pastoralteams aus Frauen und Männern schütze Geistliche im Allgemeinen vor solchen Verfehlungen. Schmucker räumte ein, dass der Zölibat als Zeichen der vorbehaltlosen Schenkung an Gott heute von den wenigsten noch verstanden wird. „Wir müssen diskutieren, ob der Zölibat freigestellt wird.“

Uwe Renz