Mutig aufbrechen in die weltweite Fremde

Die am Sonntag zu Ende gegangene viertägige Konferenz mit 130 Diakonen aus 30 Ländern stand unter dem Leitwort „Diakonie interkulturell“ und befasste sich besonders mit der Evangelisierung Osteuropas. Protektor des IDZ ist der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst. Begrüßt wurden die Tagungsgäste vom Erzbischof der Diözese Olmütz, Jan Graubner.

Der Theologiedozent an der Prager katholisch-theologischen Fakultät, Jaroslav Lorman, mahnte für die katholische Kirche in Tschechien an, sie müsse nach den Jahren des Kommunismus konsequent im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils Reformen umsetzen und der Gefahr entgegenwirken, ein Leben im Ghetto zu führen. Die Vorurteile in der tschechischen Gesellschaft gegenüber der katholischen Kirche, der rund 10 Prozent der 10 Millionen Tschechen angehören, seien wegen der Erfahrungen in Reformation und Gegenreformation sowie in der Kaiserzeit groß. Die Kirche leide unter dem Vorwurf, ihr Klerus habe sich stets mit den Reichen und Mächtigen zum eigenen Vorteil und zum Nachteil der armen Bevölkerung arrangiert. Mit einer konsequent diakonischen Haltung könne sie heute Vertrauen gewinnen und zeigen, welche Vorteile der christliche Glaube und dessen menschenfreundliche Werte für die Gesellschaft hätten.

Lorman forderte seine Kirche auf, den Dialog mit allen Menschen zu suchen, nicht nur mit denen, „die so oder so ähnlich wie ich denken und glauben“. Er zitierte den Prager Erzbischof, Kardinal Dominik Duka, der seinen Landsleuten zwar religiöse und spirituelle Sehnsucht bescheinigte, die sich allerdings vielfach in einer unbestimmten Art von „Etwasismus“ zeige. Gelinge es der Kirche, die Tschechen davon zu überzeugen, dass sie nicht zum Selbstzweck handle, sondern im Dienst an den Menschen, dann könne sie zunehmend Akzeptanz erfahren. Das bedeute allerdings auch, dass sie in dem als atheistisch geltenden Land nicht Antworten auf nicht gestellte Fragen gebe, sondern mit den Menschen und vor allem mit den armen Menschen als pilgernde Kirche in einer offenen Haltung unterwegs sein müsse. „Christliches Leben ist gelebtes Provisorium“, stellte der Prager Theologe und Diakon fest. Entschieden sprach er sich unter Hinweis auf die frühe Praxis der Kirche für den Diakonat der Frau aus und mahnte eine stärkere Kooperation zwischen Klerikern und Laien an.

Der Präsident des IDZ, der aus Stuttgart stammende und in Frankfurt lehrende Theologieprofessor und Diakon Klaus Kießling, unterstrich Lormans Thesen. Die katholische Kirche habe sich „von einer Westkirche zur Weltkirche gewandelt“. Damit sei sie herausgefordert, im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils sich in der Welt mit ihrer kulturellen Vielfalt zu bewähren. Kirche habe sich als Sakrament zu erweisen, das den Menschen die Liebe und Barmherzigkeit Gottes zusagt. Die weltweit 41.000 Ständigen Diakone hätten in einer diakonisch-missionarischen Kirche als Anstifter zur Solidarität eine elementare Aufgabe. Es gelte zu zeigen, dass sie als „Zeltkirche“ mit den Menschen offen und selbstkritisch unterwegs sei mit einer klaren Option für die Armen und mit der Liebe als Leitmotiv. „Wir müssen Jesus nicht zu den Menschen bringen, er ist schon dort; aber er will, dass wir ihn bei den Menschen suchen“, sagte Kießling.

Bischof Fürst ermunterte die Diakone, ihre Brückenfunktion zwischen der Institution Kirche und den Armen glaubwürdig und anziehend wahrzunehmen. Die frühen christlichen Gemeinden seien für viele Menschen damals besonders attraktiv gewesen, weil die Christen mit hohem Ethos Gottes- und Menschenliebe in Einklang brachten. Bischof Fürst betonte, der neue Papst, Franziskus, gebe mit seiner klaren Option für die Armen den Diakonen neuen Schub. „Der Diakonat ist die personal konkrete Erinnerung daran, dass Kirche nicht Selbstzweck ist, sondern aus der Kraft des dienenden Christus lebt.“

Bewusst hatte sich das IDZ für den Wallfahrtsort Velehrad als Tagungsort entschieden. Er ist eng mit der Tradition der beiden Slawenapostel Cyrill und Method verbunden. Seit dem frühen Mittelalter ist Velehrad Bischofssitz, hier war der heilige Method erster großmährischer Erzbischof. In diesem Jahr wird in Velehrad der Slawenmission durch Cyrill und Method vor 1.150 Jahren gedacht. 1990 besuchte Papst Johannes Paul II. die 1927 zur Basilika erhobene Klosterkirche von Velehrad. Das Kloster selbst war im 13. Jahrhundert von Zisterziensern gegründet worden.