Nach Jahrzehnten eine schwere Last von der Seele reden

Dies sagte der Vorsitzende der Kommission, der ehemalige Bundesabgeordnete Robert Antretter, der am Donnerstag, 10. März, einen ausführlichen Bericht der Kommission vor Medienvertretern vorstellte. Von den Beschuldigten seien u. a. 27 Personen Priester und Diakone der Diözese Rottenburg-Stuttgart und weitere neun Personen auswärtige Priester im Dienst der Diözese gewesen. Auch gegen zehn Laienmitarbeiter ermittelte die Kommission. Die überwiegende Mehrzahl der Vorwürfe datiere aus den Jahren zwischen 1960 und 1990. Über 20 der Beschuldigten seien bereits verstorben, neun Vorwürfe gegen Kleriker und Laien müssten trotz sorgfältigster Recherchen als „nach heutigem Erkenntnisstand unbegründet“ gelten. Die Kommission wisse insgesamt von Vorwürfen gegenüber 48 Priestern im Dienst der Diözese seit 1945, von denen 26 verstorben seien. Bei fünf von ihnen hätten sich die Vorwürfe nicht erhärten lassen.

Die öffentliche Dynamik des Missbrauchsskandals seit Beginn des Jahres 2010 habe auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart betroffen und erschüttert, so Antretter. Diese sei allerdings nicht unvorbereitet gewesen. Als erster Bischof in Deutschland habe Fürst 2002 umfassende Regularien für seine Diözese erlassen, in deren Mittelpunkt der Schutz der Opfer und deren Umfeld stehe. Die interdisziplinär besetzte Kommission sexueller Missbrauch sei ein Kernstück dieser Regularien. Sie arbeite unabhängig und habe immer das uneingeschränkte Vertrauen des Bischofs genossen, der alle Empfehlungen des Gremiums umgesetzt habe.

Der Kommissionsvorsitzende ging auch auf die Opfer ein. Die Kommission wisse von insgesamt 94 Opfern seit 1945, davon 68 männliche und 26 weibliche Personen. Sie selbst hatte sich nach den Worten von Antretter mit den Schicksalen von 70 Personen – 50 Männer und 20 Frauen – zu befassen, die sich als Opfer zu erkennen gegeben haben. Die Kommission sexueller Missbrauch bemühe sich, Opfern „nicht nur teilnehmend, sondern tatkräftig Hilfe zu geben, entsprechend den Möglichkeiten, die heute für traumatisierte Menschen zur Verfügung stehen“. So seien bisher 11 Personen bei der Finanzierung von Therapien unterstützt worden. Oft gehe es vor allem darum, dass sich Mensch nach Jahren oder Jahrzehnten eine schwere Last von der Seele reden könnten, sagte Antretter. Bischof Fürst selbst habe bisher mit 10 Opfern auf deren Wunsch hin persönliche Gespräche geführt.

Sexueller Missbrauch sei ein verabscheuungswürdiges Verbrechen, betonte Bischof Gebhard Fürst bei der Pressekonferenz. Der Missbrauchsskandal sei eines der Hauptelemente der gegenwärtigen Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise der katholischen Kirche. Bei dem von ihm und seinen Mitbischöfen angekündigten Erneuerungsprozess müsse es wesentlich auch darum gehen, dass sich die Kirche dieser „schlimmen Hypothek des Missbrauchs“ in aller Ehrlichkeit stelle. „Ich schäme mich für die Täter in unserer Kirche und auch in unserer Gesellschaft“, so der Bischof. „Und ich bitte die Opfer, denen durch Angehörige unserer Diözese Schlimmes angetan wurde, persönlich und im Namen der Diözese um Vergebung.“ Er gab aber auch eine Ehrenerklärung ab für den „absolut überwiegenden Teil“ der Priester und Diakone, die ihren Dienst Tag für Tag „mit überdurchschnittlichem Einsatz und in persönlicher Integrität erbringen“. Sie verdienten es nicht, einem Generalverdacht ausgesetzt zu werden, betonte Bischof Fürst.

Auf umfangreiche Initiativen zum Schutz des körperlichen und seelischen Wohls von Kindern und Jugendlichen wies Domkapitular Paul Hildebrand hin, der in der Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Kleriker und Laien in der Seelsorge zuständig ist. Die Diözese selbst und ebenso rechtlich selbständige Institutionen unter dem Dach der Diözese wie etwa der Diözesan-Caritasverband, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend oder die katholischen Schulen hätten differenzierte Regelwerke verabschiedet, die sowohl den Umgang mit Vorfällen sexuellen Missbrauchs als auch nachhaltige Prävention und Personalentwicklung beinhalteten, so Hildebrand. Themen wie Nähe und Distanz spielten eine große Rolle in der Ausbildung des Priesternachwuchses. Seelsorge lebe von personaler Nähe und Begegnung. „Wir wollen ja keine beziehungsverängstigten und beziehungsunfähigen Kleriker heranziehen“, sagte der Domkapitular. Viele Seelsorger seien heute verunsichert und wüssten nicht, ob sie überhaupt noch Begegnung und Nähe wagen dürften. Dies sei „eine der ganz schlimmen Folgen der Problematik des sexuellen Missbrauchs“ und zerstöre seelsorgerliche Beziehungen. Entscheidend sei es zu klären, ob Begegnungen „lebens- und glaubensstärkend“ seien und die Freiheit persönlicher Entfaltung förderten, oder aber ob sie Freiheit beschränkten und die persönliche Integrität beschädigten.

Dr. Thomas Broch