Nachbarschaftliche Begegnung

Man kann von der Schule hinauf zum Bischofshaus sehen und umgekehrt; der Bischof hört an seinem Schreibtisch den Pausenlärm und nachts das Quaken der Frösche vom Biotop der Schule. Nach Jahren aber gab es am Donnerstag, 16. Juli, erstmals wieder einen Schulbesuch des Bischofs in St. Klara. Er stand unter dem Leitgedanken „Begegnung“, und dieses Wort wurde auch in einem abschließenden gemeinsamen Gottesdienst auf dem Innenhof der Schule entfaltet.

Zuvor jedoch gab es Begegnungen: mit der Schulleitung und den rund 70 Lehrerinnen und Lehrern, vor allem aber auch mit den Schülerinnen und (wenigen) Schülern der ursprünglichen Mädchenrealschule. In einer ersten Runde hatten Schülerinnen der Klassen 5 und 6 Fragen vorbereitet, die dem Gast viele Antworten auf die Aufgaben, die Erfahrungen und nicht zuletzt das Privatleben eines Bischofs abverlangten. „Wie wird man Bischof?“, wollten die Mädchen wissen; wer sein Chef sei und worin seine Aufgaben bestünden. Ob Bischof Fürst auch schon Papst Benedikt begegnet sei und was ihm an seinem Beruf gefalle und was nicht. Und wie sich der Bischof Gott vorstelle. Die Schülerinnen erfuhren viel über die Menge der Korrespondenz, der Gremiensitzungen, der Reisen zu Gottesdiensten und Firmungen in der ganzen Diözese. Aber auch von politischen Gesprächen, vom alljährlichen Pilgern auf dem Jakobusweg in der Diözese und nicht zuletzt von vielen persönlichen Begegnungen, durch die der Bischof nach seinen eigenen Worten sehr viel näher beim Alltagsleben der Menschen ist, als man dies bei einem solchen Amt vielleicht erwarte. Die Unmenge von Post und Terminen sei manchmal eine Last, bekannte er. Oft käme er sich wie Sisyphos in der griechischen Sage vor, der immer wieder einen schweren Felsbrocken den Berg hinaufwuchte, „der dann wieder herunter hurgelt“. Andererseits sei es sehr wertvoll „unendlich viele Menschen und neue Situationen kennen zu lernen“. Sein Beruf sei „nie langweilig, sehr, sehr anstrengend, aber auch sehr abwechslungsreich“. Sein „Chef“ sei der Liebe Gott, aber mit dem Papst sei er als Bischof natürlich in besonderer Weise verbunden, und er habe Papst Benedikt XVI. seit dessen Amtsantritt schon viermal zu persönlichen Begegnungen getroffen. Was die Gottesvorstellung angehe? Christen seien hier in einer „tollen Situation“, denn in ihrem Glauben sei Gott nicht „hinter den Wolken“, sondern an Jesus Christus sei sichtbar, wer Gott ist und wie er ist: „ein Gott der Kinder, ein Gott derjenigen, die ausgegrenzt sind“. Sein Bischofswahlspruch „Propter nostram salutem – Um unseres Heiles willen“ bringe das Wichtigste der christlichen Botschaft zum Ausdruck: dass Gott für die Menschen ein heiles Leben wolle und sie auch an der Todesgrenze nicht untergehen lasse, sondern sich eines jeden Einzelnen annehme.

Die Mädchen konnten auch erfahren, dass der Bischof im Urlaub gerne Auslandsreisen unternimmt und in diesem Jahr nach Norwegen fährt. Nur sein Lieblingsessen verrät er nicht. Sonst bekäme er es überall vorgesetzt und müsse es jeden Tag essen, befürchtet er.

Komplexe Fragen zur Wirtschaftsethik hatten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 im Philosophie- und Religionsunterricht vorbereitet. Selbstbewusst konnten sie berichten, dass sie darüber auch schon mit Altministerministerpräsident Erwin Teufel diskutiert hätten. Zu Stichworten wie „Verantwortung“, „Soziale Gerechtigkeit“, „Chancengleichheit durch Bildung“, „Benachteiligung von Frauen in Wirtschaft und Industrie“ oder zur sich stetig spreizenden Schere zwischen Armen und Reichen in Deutschland hatten sie eindrucksvolle Präsentationen gestaltet. Die Lockerung der Bindungen und Beziehungen in der Gesellschaft wirke sich auch in der Wirtschaft aus, betonte Bischof Fürst im Gespräch mit den jungen Leuten. Christen seien zur Stellungnahme herausgefordert, wenn es um Rahmenbedingungen der Wirtschaft wie Verantwortung, Verlässlichkeit, Vorrang des Menschen vor dem Kapital und anderes gehe. Es gehe um Werte und ethische Grundorientierungen, die das Handeln im Wirtschafts- und Finanzleben leiteten. Wo sie fehlten, führe dies zur Katastrophe, wie die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise zeige. „Wirtschaft ohne Ethik führt in den Abgrund“, betonte der Bischof. Die Kirche habe hier keine direkten politischen Einflussmöglichkeiten, räumte Bischof Fürst ein. Auch setze die Macht der globalisierten Wirtschaft den politischen Gestaltungsmöglichkeiten selbst enge Grenzen. Die Kirche sei daher auf die Überzeugungskraft guter Argumente angewiesen und auf die Solidarisierung mit gesellschaftlichen Kräften, die die gleichen Ziele verfolgen. Und vor allem müsse die Kirche als „Unternehmen“ selbst mit beispielgebendem Vorbild vorangehen. Der Tätigkeit der Betriebsseelsorger – in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind es neun – wies Bischof Fürst eine große Bedeutung zu, wenn es darum gehe, sich für soziale Gerechtigkeit und humane Arbeitsbedingungen stark zu machen oder gar den Verlierern wirtschaftlicher Entscheidungen in existentiellen Notlagen beizustehen. „Moralisches Verhalten in der Wirtschaft zahlt sich aus“, war Bischof Fürst überzeugt; ebenso räche sich auf Dauer unethisches Wirtschaftsgebaren. Allerdings sei die Gier, die man vielen Managern vorwerfe, eine grundsätzliche menschliche Versuchung. Jeder einzelne müsse sich fragen, was die Grundmuster seines eigenen Verhaltens seien, sagte der Bischof und unterstrich: „Wenn die Gier das Ethos überformt, ist das immer sehr schlecht.“