Nachbarschaftshilfe: glaubwürdiges Beispiel für Kirche am Ort

Rottenburg/Untermarchtal. 12. März 2016. Auf die zunehmende Bedeutung der Organisierten Nachbarschaftshilfe in einer Zeit des demografischen Wandels und sich verändernder Lebensentwürfe haben die Verantwortlichen eines Begegnungstags zum Thema hingewiesen. Bei einem Austausch mit Bischof Gebhard Fürst am Samstag (12. März) im Kloster Untermarchtal bezeichneten Vertreter der Diözese sowie des Fachverbandes „Zukunft Familie e.V.“ die Organsierte Nachbarschaftshilfe als „gelungenes Beispiel einer glaubwürdigen Kirche am Ort, die nahe bei den Menschen ist und Gesellschaft mitgestaltet“.

Bischof Gebhard Fürst formulierte das Engagement der Helferinnen und Helfer als eine „Brückenfunktion“ für die Kirchengemeinde. Organisierte Nachbarschaftshilfe habe insbesondere ältere, kranke und hilfsbedürftige Menschen am Ort im Blick. „Aus christlicher Nächstenliebe Menschen in ihrer Wohnung aufzusuchen ist Zeichen einer diakonischen und missionarischen Kirche“.

Der Rottenburg-Stuttgarter Bischof appellierte an die Kirchengemeinden, weiter für Unterstützungssysteme in ihrem Nahraum zu sorgen und so Vereinsamung zu verhindern. Er dankte jenen Gemeinden, die aktuell Verantwortung als Träger der Nachbarschaftshilfe wahrnehmen.

In Zeiten, wo familiäre Hilfen abnähmen und Pflegedienste noch nicht gebraucht oder zu teuer seien, komme der Organisierten Nachbarschaftshilfe eine besondere Bedeutung zu: „Diese niedrigschwellige, flexible und individuelle Art der Hilfestellung suchen Menschen heute vermehrt“, sagte die Leiterin der Hauptabteilung Caritas in der Diözese, Irme Stetter-Karp. Sie bezeichnete die Hilfe als „wichtiges Glied“ im großen Netzwerk von stationären und ambulanten Unterstützungssystemen und ermutigte die Engagierten auf ihre „leise und unauffällige Hilfe“ im Privathaushalt öffentlich aufmerksam zu machen. „Denn“, so Stetter-Karp, „der Wunsch der überwiegenden Mehrheit der Betroffenen ist, im Alter im gewohnten Lebensumfeld bleiben zu können“. Der Organisierte Nachbarschaftshilfe käme hierbei eine wichtige Bedeutung zu, so Stetter-Karp, nicht zuletzt durch ihre bezahlbaren Angebote.

Auf die „Begegnung als Grundmotiv der Nachbarschaftshilfe“ wies der Vorsitzende des Fachverbands „Zukunft Familie“, Oliver Schütz, hin. „In Begegnungen mit Menschen, die Hilfe benötigen, verändert sich auch unser Leben.“ Viele Helferinnen und Helfer erlebten ihr Engagement in der Nachbarschaftshilfe als persönliche Bereicherung, so seine Erfahrung.

Die Organisierte Nachbarschaftshilfe ist im Fachverband „Zukunft Familie“ organisiert. Dieser ist Mitglied im Diözesancaritasverband. Im Jahr 1973 begann der Aufbau eines Netzes von Nachbarschaftshilfen als freiwilliges Engagement in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Heute sind auf dem Gebiet der Diözese in einem fast flächendeckenden Netzwerk über alle Dekanate hinweg Nachbarschaftshilfen an 259 Orten im Einsatz. Jährlich nehmen 7.000 Menschen die Hilfe der mehr als 5.500 freiwillig engagierten Nachbarschaftshelferinnen und -helfer in Anspruch. Die Zahl der Helferinnen und Helfer ist seit Jahren stabil.

Die Kernaufgaben der Organisierten Nachbarschaftshilfe liegen in der stundenweisen Unterstützung im häuslichen Alltag sowie der Begleitung zu Terminen und Veranstaltungen. Ein wesentlicher Aspekt der Hilfe ist der Faktor „Zeit“: Nachbarschaftshelfer und -helferinnen bringen Zeit mit, zum Zuhören, Vorlesen oder zum gemeinsamen Kaffee, und ermöglichen dadurch den Aufbau einer persönlichen Beziehung. Zunehmend Bedeutung in der Nachbarschaftshilfe gewinnt die Betreuung von Menschen mit Demenz, um Angehörige stundenweise zu entlasten.

Nachbarschaftshelferinnen und –helfer erhalten im Rahmen ihres freiwilligen Engagements eine Aufwandsentschädigung für ihren Dienst. Ein Teil ihres Engagements (zum Beispiel Fortbildungen) erfolgt ehrenamtlich.

Am Begegnungstag in Untermarchtal nahmen 150 Nachbarschaftshelferinnen und -helfer aus allen Dekanaten teil.