Nächstenliebe in der Freiheit des Glaubens

Rottenburg/Stuttgart. 21. Mai 2015. Zum zehnten Jahresgespräch hat sich Bischof Gebhard Fürst am Mittwochabend mit muslimischen Repräsentanten getroffen. Zum ersten Gespräch dieser Art hatte der Bischof 2006 eingeladen, als der sogenannte Karikaturenstreit die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen belastete. Im zehnten Jahresgespräch tauschten sich die Teilnehmer in Stuttgart über die Frage nach dem Willen Gottes und einer tragfähigen Ethik des Zusammenlebens aus. Für gutes Handeln reiche der menschliche Wille allein nicht aus, betonte der Experte für den interreligiösen Dialog der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Wolfgang Rödl, in seinem Vortrag. Gutes Handeln sei Frucht des Glaubens, in Gott geborgen zu sein und sich damit angstfrei im Geist der Liebe den Nächsten zuwenden zu können. Diese von Gott durch seinen Sohn Jesus Christus geschenkte Erlösung befreie „aus der Macht der Angst um uns selbst, die sonst Wurzel aller Unmenschlichkeit ist“.

Am Beispiel des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter im Lukasevangelium führte Rödl aus, dass Nächstenliebe aus dem Glauben an Gott nicht nur dem ausdrücklich christlichen Glauben vorbehalten sei. Es gebe aus christlicher Sicht auch „anonymen“ Glauben, der in einem Urvertrauen bestehe und Früchte der Gottes- und Nächstenliebe hervorbringe. „Im Licht der christlichen Botschaft sagen wir auch von solchem Urvertrauen, dass es bereits aus dem Geist Jesu lebt.“ Der Dialogexperte zeigte dies an einem Gemälde aus dem 16. Jahrhundert in der Naumburger Stadtkirche St. Wenzel, in dem der barmherzige Samariter in Gestalt eines Muslims dargestellt wird.

Für die muslimischen Repräsentanten betonte der Dialogbeauftragte des türkischen DITIB-Landesverbandes, Ali Ipek, auch nach islamischem Glauben sei „der Mensch nicht wie ein Roboter programmiert, sondern mit freiem Willen ausgestattet auf die Erde gesandt“. Die Prüfung bestehe für ihn darin, zwischen Gut und Böse zu wählen mit Vernunft, Gewissen und dem Wissen der vom Propheten Mohammed überbrachten Offenbarung Gottes. In dieser Weise sei Religion als göttliche Hilfe ein „Rettungsring, stabiles Seil und Heimat des Friedens“. Ipek unterstrich, dass religiöse Pluralität in der islamischen Lehre hohen Wert habe, aufrichtiger Glaube gründe im freien Willen des Menschen. Diese Lehre stehe nicht im Widerspruch dazu, dass der Islam sich selbst als wahre Religion sehe und dies auch so vertrete. Der Respekt vor anderen Religionen sei im Islam verankert, die Beleidigung anderer Götter etwa vom Propheten verboten.

Ipek mahnte im Interesse des gesellschaftlichen Friedens dazu, das Wissen über die jeweils eigene Religion zu vertiefen. Religion verleihe ein Selbstbewusstsein, das Gewalt und Hass unterdrücken könne. Mit Blick auf die weltweiten Kriege und Konflikte kritisierte er, dass religiöse Inhalte häufig, vor allem in Ländern mit stark unterschiedlichen Lebensverhältnissen, für Spaltungen und Ausbrüche von Wut und Hass missbraucht würden.

An dem Gespräch in Stuttgart nahmen teil
Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart: Bischof Dr. Gebhard Fürst, Domkapitular Dr. Detlef Stäps, Dr. Christian Ströbele (Akademie der Diözese), Karin Schieszl-Rathgeb (Referentin des Bischofs), Uwe Renz (Pressesprecher der Diözese)
Als muslimische Repräsentanten: Riad Ghalaini (Islamische Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg IGBW), Dr. Ferid Kugic (Islamische Gemeinschaft der Bosnier), Mohammed Hassen (Bilal Zentrum / afrikanische Muslime), Rasim Gül und Abdullah Simsek (Islamische Gemeinschaft Milli Görüs IGMG), Ali Ipek (DITIB Landesverband BW), Kadir Koyutürk (Hizmet-Bewegung), Yavuz Kasanc (Verband Islamischer Kulturzentren Landesverband BW, VIKZ)