Freiwilligendienste

Neugierig auf den kulturellen Austausch

Enzo Cordoba

Enzo Cordoba auf seinem Feld, dem Sportplatz des Katholischen Freien Bildungszentrums St. Kilian in Heilbronn. Foto: DRS/Guzy

Rogers Ssebulime

Rogers Ssebulime hat in den vergangenen Monaten Neckarsulm und die Region inklusive Weinbau kennengelernt. Foto: DRS/Guzy

Enzo Cordoba kommt aus Argentinien, Rogers Ssebulime aus Uganda. Sie gehören zu den Reverse-Freiwilligen, die derzeit in der Diözese zu Gast sind.

Er musste viel Geduld aufbringen, ohne zu wissen, ob es letztlich klappen würde. Doch nun erfüllt sich für Enzo Cordoba der Wunsch, eine andere Kultur, ein anderes Bildungssystem kennenzulernen. Der 21-Jährige gehört zu acht jungen Menschen aus Argentinien, Mexiko, Paraguay und Brasilien, die seit diesem Monat über das Reverse-Programm einen Freiwilligendienst in der Diözese Rottenburg-Stuttgart leisten. Für Cordoba ist die Einsatzstelle das Katholische Freie Bildungszentrum St. Kilian in Heilbronn.

Erst einmal hospitiert Cordoba im Spanisch- und Sportunterricht. Am Nachmittag begleitet er außerdem das Ganztagsangebot, wie Nicole Hummel erklärt. Die stellvertretende Leiterin des Ganztagsbereichs ist für die Anleitung zuständig.

Die ersten Unterschiede

Er wolle zunächst verstehen, wie alles ablaufe, sagt Cordoba. Zwei Unterschiede sind im gleich aufgefallen: Die Schülerinnen und Schüler sprechen ihn mit „Herr Cordoba“ an. In Argentinien werden die Lehrer dagegen mit „profe“ – Lehrer auf Spanisch – und Namen angeredet. Und es gibt hier keine Schuluniformen.

Seine Deutschkenntnisse muss Cordoba noch festigen. Daher führt der 21-Jährige, der aus Santiago del Estero im nördlichen Argentinien stammt, das Gespräch lieber in seiner Landessprache. Spanischlehrerin Karoline Thiessen übersetzt.

Lange Ungewissheit

In Argentinien hatte Cordoba Deutsche kennengelernt, die sich für einen Freiwilligendienst in seinem Land aufhielten, wie er erklärt. Er suchte die Möglichkeit, die gleichen Erfahrungen zu machen und „eine andere Kultur kennenzulernen“. So meldete er sich für das Reverse-Programm.

Ursprünglich sollte der junge Mann seinen Dienst in Heilbronn bereits im vergangenen Jahr beginnen. Corona verhinderte und verzögerte aber die Einreise nach Deutschland. Er sei enttäuscht gewesen, sagt der 21-Jährige. Doch er blieb dran, denn die Chance habe er sich nicht entgehen lassen wollen. Die Wartezeit nutzte Cordoba unter anderem dafür, sich auf den Freiwilligendienst vorzubereiten. Außerdem studierte er schon einmal ein Semester Sport auf Lehramt. Sport, besonders Leichtathletik, sei seine Leidenschaft.

Mehrere Gastfamilien

Der Kirchengemeinde St. Martinus Sontheim, der Gastgemeinde, ging es nicht anders. „Es war lange Zeit nicht klar, ob er wirklich kommt“, berichtet Cornelia Reus. Die Pastoralreferentin steht dem Reverse-Freiwilligen während seines Aufenthalts als Mentorin zur Seite. Erst im Sommer gab es für sie die Gewissheit, dass Cordoba nach Deutschland fliegen wird und nach einem gemeinsamen Vorbereitungs- und Ankommmonat für die Reverse-Freiwilligen dann ab Anfang Oktober in Sontheim sein wird.

Hier ist er nun bei zwei engagierten Familien aus der Kirchengemeinde untergebracht – in der einen ist er bis zum Jahreswechsel, in der anderen anschließend bis Ostern zu Gast. Eine dritte Gastfamilie für die Zeit ab Ostern bis Sommer wird laut Reus noch gesucht.

Wie die Pastoralreferentin erklärt, soll Cordoba in das Gemeindeleben eingebunden werden. Sie kann sich zum Beispiel vorstellen, dass Cordoba bei der Vorbereitung der Sternsingeraktion mithilft. Vorerst ist aber Zeit, in der Gemeinde anzukommen.

Straßenverkehr als neue Erfahrung 

Seine Eingewöhnungsphase hat Rogers Ssebulime längst hinter sich. Der 24-Jährige, der aus Mpigi in Uganda kommt, hatte zusammen mit einer weiteren Freiwilligen aus dem afrikanischen Land das Glück, bereits im vergangenen Frühjahr – ebenfalls nach einiger Zeit der Ungewissheit – seinen Freiwilligendienst starten zu können. „Es war nicht ganz einfach, aber auch nicht ganz schwierig“, blickt er auf die Anfangszeit zurück. Schwierig sei vor allem die Sprache gewesen. Außerdem musste er im Straßenverkehr umlernen: In Uganda herrscht Linksverkehr, wie Ssebulime erklärt. Seine Neckarsulmer Gastfamilie übte daher mit ihm, damit er mit dem Fahrrad sicher zur Astrid-Lindgren-Schule unterwegs ist.

Die Einrichtung, ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit den Förderschwerpunkten geistige und körperlich-motorische Entwicklung in der Trägerschaft des Landkreises Heilbronn, ist seit April die Einsatzstelle des 24- Jährigen. Dort begleitet er einzelne Kinder im Schulalltag. Er assistiert ihnen zum Beispiel im Unterricht oder hilft beim Essen.

Anbindung an die Kolpingsfamilie

Ssebulime hatte sich ebenfalls für das Reverse-Programm entschieden, um eine andere Kultur und Sprache zu erleben. Die ersten Erfahrungen sammelte er unter außergewöhnlichen Umständen. Denn er kam im Frühjahr mitten im deutschen Lockdown an. „Man konnte nicht viel machen, es war ja alles zu. Wir sind daher zusammen in der Gegend Rad gefahren“, sagt Winfried Gärtner. Bei ihm und seiner Frau Rita lebt Ssebulime während seines Aufenthalts. Wie Rita Gärtner berichtet, hatten sie über Verbindungen zur Kolpingsfamilie erfahren, dass eine Gastfamilie für einen Reverse-Freiwilligen gesucht werde.

Katharina Scharpff aus dem Leitungsteam der Kolpingsfamilie Neckarsulm fungiert als Mentorin. Da sie selbst Lehrerin an der Astrid-Lindgren-Schule ist, lag die mögliche Einsatzstelle gleich auf der Hand. Im Kolpinghaus stellte Ssebulime im September im Rahmen der interkulturellen Woche sein Land vor und animierte das Publikum, bei einem afrikanischen Tanz mitzumachen. Über Kolping ergab sich auch der Kontakt zu einer Volleyball-Freizeittruppe, bei der er mitspielt.

Von freundlichen Begegnungen sprechen Cordoba und Ssebulime, die beiden Freiwilligen, die in Heilbronn und Neckarsulm zu Gast sind. Ssebulime macht sich nun allerdings etwas Gedanken darüber, wie wohl der Winter sein werde. Er freue sich zugleich darauf – auf Glühwein und die weihnachtlichen Bräuche.

Freiwilligendienst in der Diözese

Die Reverse-Form der Weltkirchlichen Friedensdienste gibt es in der Diözese Rottenburg-Stuttgart seit September 2012. Als Reverse-Freiwillige sollen junge Menschen aus Partnerdiözesen auf der Südhalbkugel die gleiche Möglichkeit zum kulturellen Austausch haben, die junge Deutsche mit einem Dienst in Übersee wahrnehmen.

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