Offen werden für einen Geist des Verstehens

„Welchen Geist haben wir nötig?“, mit dieser Frage schlug Bischof Fürst die Brücke zwischen dem biblischen Pfingstwunder, in dem Menschen trotz unterschiedlichster Sprachen einander verstehen konnten, und der gegenwärtigen Situation, in der sich die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen kaum mehr verständigen können. Zwischen Alten und Jungen, traditionell und fortschrittlich denkenden, religiös geprägten oder eher materialistisch eingestellten Menschen gebe es oft kaum mehr Verbindendes, sagte der Bischof. Auch die Vertreter unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche verstünden einander häufig nicht mehr. „Wir reden immer mehr“, sagte Bischof Fürst, „es gibt immer mehr Fachsprachen. Die vielen sozialen Gruppen entwickeln ihre eigenen Codes. Und dabei werden wir doch immer unfähiger zum Dialog.“

Bischof Fürst wies in seiner Predigt darauf hin, dass das Jahr 2007 das „Jahr der Geisteswissenschaften“ sei. In den Geisteswissenschaften gehe es um den Geist des Menschen und dessen Geschichte. Das beinhalte auch die Beschäftigung mit menschlichen Grundfragen wie die Bedeutung der Sprache, der Freiheit oder des Religiösen. Zentral seien auch ethische Probleme, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns stellen. Es gehe dabei nicht nur um Einzelwissen, sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen und das Verbindende zwischen den Menschen zu suchen. „Nicht zu wissen, sondern zu verstehen ist entscheidend; auch einander zu verstehen“, betonte der Bischof. Wo es um den Menschen gehe, sei der Dialog unerlässlich. So machten die Diskussionen um die Biomedizin deutlich, wie wichtig um der Menschenwürde willen etwa der Dialog zwischen Medizinern und Ethikern sei.

In den Geisteswissenschaften fragten die Menschen mit Methoden der Wissenschaft nach den Wurzeln und der Zukunft ihres Daseins und nach dem Sinn von Leben und Geschichte, betonte der Bischof. Auch wenn es mit wissenschaftlichen Methoden keine eindeutigen Antworten auf Sinnfragen gebe, so führe konsequentes Fragen doch zu einer Ahnung von dem, was die Bibel den „Geist der Wahrheit“ nenne: „eine Ahnung davon, dass wir aus einem Geheimnis herkommen und in ein Geheimnis hineingehen, über das wir nicht verfügen können“, sagte Bischof Fürst und fügte hinzu: „auch eine Ahnung, dass wir nur Mensch sein und Menschen werden können, wenn wir miteinander in Solidarität und Liebe leben“. Diese Ahnung bedeute noch nicht einfach, zu glauben oder den Menschen zu lieben. Aber sie mache offener für Gottes Geist, „der uns in unserem menschlichen Geist anspricht und der uns für einander öffnen will“, sagte der Rottenburger Bischof. „Heiliger Geist weht nicht, wo wir Bescheid wissen über Gott und die Welt und meinen, die großen Macher zu sein“, betonte Bischof Fürst. Der Geist wehe vielmehr da, „wo wir aus gewohnten Bahnen geworfen werden und um Orientierung ringen, wo wir Fragen stellen, Selbstverständliches aufgeben und einen neuen Blick wagen“.