Ohne Sorge um den notleidenden Menschen keine Kirche

So hat der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, die Tätigkeit von Aufsichts- und Stiftungsratsvorsitzenden caritativer Organisationen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart gewürdigt, die sich am Mittwochabend erstmals in Stuttgart-Hohenheim zu einem „Netzwerk Aufsichtsräte“ getroffen haben. Nach den Worten der Leiterin der Hauptabteilung Caritas der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Irme Stetter-Karp, soll dieses „Netzwerks Aufsichtsräte“ künftig ein Forum für intensive Abstimmung und Vernetzung und vor allem für die Weiterentwicklung eines spezifischen Caritasprofils in der Diözese Rottenburg-Stuttgart bilden.

Der Caritaspräsident beleuchtete in seinem Eingangsreferat das christliche Profil caritativer Einrichtungen vor dem Hintergrund der ersten Enzyklika Papst Benedikt XVI. mit dem Titel „Deus Caritas est“ („Gott ist Liebe“). Als „wirklich neuen Akzent“ in dieser Enzyklika bezeichnete Neher „das ausdrückliche Bekenntnis des Papstes zur organisierten Form der Caritas“. Dies sei angesichts der häufig gestellten kritischen Frage, warum die Kirche Einrichtungen und Dienste betreibe, die andere Organisationen auch anbieten, eine beachtenswerte Aussage. Sie bedeute, dass die caritativen Einrichtungen und Dienste nichts Nebensächliches seien. Vielmehr handle die Kirche in ihnen „unmittelbar selbst“, betonte Neher. „Ohne sicht- und greifbare Sorge um den notleidenden Menschen gibt es keine Kirche“, unterstrich Neher.

Dies beginne – so interpretierte der Präsident die Enzyklika weiter – bei einer Kultur der Wertschätzung der Mitarbeitenden durch Kollegen und Vorgesetzte, aber auch durch die Organisation als ganze und durch die Kirche. Dies befähige sie, sich anderen Menschen zuzuwenden und für diese da zu sein. Neher mahnte auch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinden und den Diensten der verbandlich organisierten Caritas an, die sich „durch gemeinsame Begegnungen und Projekte gegenseitig bereichern und von einander profitieren“ könnten. Gerade bei der derzeit erfolgenden Neuordnung der Seelsorge- und Gemeindestrukturen solle sich die Caritas aktiv an der Gestaltung beteiligen. Es sei wichtig, die Einrichtungen und Dienste der Caritas als „Orte der Gottesbegegnung zu begreifen“, sagte der Präsident. Er regte an, in den Gemeindezentren Beratung anzubieten; ebenso sollten sich nicht nur die Mitarbeitenden der Caritas, sondern auch pastorale Mitarbeiter oder Pfarrsekretärinnen als Anlaufstellen für Hilfesuchende verstehen.

Großen Wert legte Präsident Neher im Anschluss an die Enzyklika Papst Benedikts XVI. darauf, dass das „christliche Profil“ nicht etwas sei, was zur Caritasarbeit noch dazu komme. Die Caritas brauche kein „Mehr“, „um wirklich kirchlicher Dienst und Ausdruck des Glaubens zu sein“. Vielmehr sei der konkrete Dienst am Nächsten „selbst Ausdruck des Glaubens und der kirchlichen Sendung“, sagte Neher. Von „struktureller Spiritualität“ sprach der Präsident und meinte damit, dass das christliche Profil und die „Herzensbildung“, die neben der beruflichen Qualifikation gefördert werden müsse, nicht ausschließlich in die individuelle Verantwortung der Mitarbeitenden gelegt werden dürfe. Vielmehr seien „Fragen der Leitbild- und Identitätsvermittlung eine Aufgabe und Pflicht der Organisation und damit der Führung“, betonte Neher. Die Umsetzung eines „kirchlichen Profils“ setze eine Gesamtstrategie der Unternehmensführung voraus und betreffe damit auch die Verantwortung der Aufsichts- und Stiftungsräte, gab der Caritaspräsident seinen Zuhörern mit auf den Weg.