„Orte des kulturellen Gedächtnisses“

Die rund 250 Exponate der Ausstellung, die zuvor im schweizerischen Fribourg zu sehen war und am Sonntag in Rottenburg offiziell eröffnet wird, erfassen einen Zeitraum bis ins 10. Jahrtausend v. Chr. Sie entfalten das Thema der Präsenz des Weiblichen in Gottesvorstellungen antiker orientalischer Religionen, in biblischen Aussagen und Gottesbildern sowie den Nachhall in der nachbiblischen christlichen Tradition, besonders im Marienbild des Abendlandes.

„Sei gesegnet im Namen Jahwes und seiner Aschera“, heißt es etwa in altisraelitischen Inschriften. Neben Jahwe, dem Gott Israels, erscheint damit eine weibliche Gottheit. Im Tempel von Jerusalem wurde sie bis zur Reform des israelitischen Königs Joschija im Jahre 622 v. Chr. mitverehrt. In gewisser Weise wurde danach die Göttin Aschera durch die „Frau Weisheit“ ersetzt, die schon im Anfang bei der Erschaffung der Welt bei Gott war. Nicht zuletzt gibt es zahlreiche biblische Aussagen, in denen weibliche Züge Gottes zur Sprache kommen. Schon bei der Erschaffung des Menschen ist davon die Rede, dass Mann und Frau Bild Gottes sind.

Zu den besonderen Aspekten der Ausstellung gehören die Linien, welche von den altorientalischen Göttinnen und ihren Darstellungen zum Marienbild gezogen werden. Aus langer Tradition überkommene religiöse Vorstellungen sind zu „Bildhülsen“ geworden, die im Marienbild der christlichen Frömmigkeits- und Kunstgeschichte mit neuem Inhalt gefüllt worden sind. Gemeinsamkeiten und Entsprechungen werden ebenso deutlich wie Unterschiede. Das Marienbild, so Urban, erscheine „als Ort eines kulturellen Gedächtnisses“.

Die Ausstellung „Gott weiblich“ zeigt und veranschaulicht anhand einer Fülle von archäologischen Zeugnissen eine über Jahrtausende sich erstreckende Sicht Gottes, welche im Gottesbild das Weibliche als Möglichkeit und Realität kannte und betonte. Dazu gehören die zahlreichen, sehr abstrakt gehaltenen Idole vorderasiatischer Kulturen des 3. Jahrtausends v. Chr., welche in der Ausstellung geboten werden. Die Ausstellung ist in 14 Abschnitte gegliedert wie zum Beispiel „Das Haar: Inszenierung und Verhüllung“, „Segen der Brüste“, „Fürbitterin“, „Himmelskönigin“, „Maat – Sophia: die Weisheit“, „Unfassbares Geheimnis“, „Leben und Tod: Mutterschaft und Klagende“, „Isis und ihr Familiendrama“, „Göttinnen und die Taube als Liebesbotin“.

Der Kernbereich der Ausstellungsstücke kommt aus dem Museum Bibel + Orient der Universität Freiburg (Fribourg) in der Schweiz. Ein anderer wichtiger Komplex, vor allem der Bereich der ägyptischen Kultur und Religion, stammt aus dem Antikenmuseum Basel. Die im Kontext der vorgeschichtlichen und antiken Objekte vorgestellten marianischen Bildwerke stammen zum größten Teil aus dem Fundus des Diözesanmuseums Rottenburg.

Die Ausstellung wurde zuvor mit großem Erfolg vom 7. Dezember 2007 bis zum 6. April 2008 im Musée d’art et d’histoire in Freiburg (CH) gezeigt.

Kuratoren der Ausstellung sind Prof. Dr. theol. Dr. h.c. mult. Othmar Keel und Dr. Thomas Staubli.

Othmar Keel (geb. 1937) ist Prof. em. für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Fribourg und Präsident der Stiftung BIBEL + ORIENT. Er gilt als einer der weltweit besten Kenner der Ikonographie der Kleinplastik des Vorderen Orients. Unter seinen zahlreichen Publikationen seien hervorgehoben sein in zehn Sprachen übersetztes Werk „Das Hohelied“ (Zürich, 2. Aufl. 1992) und seine jüngst erschienene, 1384 Seiten umfassende Monographie „Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus“ (Göttingen 2008). Dieses Werk klinkt sich mit seinen fundamentalen Untersuchungen ein in die gegenwärtige kulturwissenschaftliche Diskussion um die Entstehung und Ausformung des Monotheismus.

Dr. Thomas Staubli leitet das Museum BIBEL + ORIENT an der Universität Fribourg und ist seinerzeit mit zahlreichen einschlägigen Publikationen hervorgetreten.



„Gott weiblich. Eine vergessene Seite des biblischen Gottes“
4. Mai bis 3. August 2008

Eröffnung:
4. Mai 2008, 17 Uhr, mit Prof. Dr. Othmar Keel, Fribourg/CH und Diözesankonservator Wolfgang Urban

Diözesanmuseum Rottenburg, Karmeliterstraße 9, D-72108 Rottenburg a. N., Tel.: 49(0)7472-92 21 81/-82, Fax: 49(0)7472-92 21 89

Öffnungszeiten:
Di-Fr 14-18 Uhr, Sa 10-13 und 14-18 Uhr, vorm. Di-Fr nach Vereinbarung, Mo geschlossen (Pfingstmontag geöffnet)

Eintritt:
Erwachsene 5 €, erm. Eintr. und Gruppen ab 15 Personen 4 €, Familien 7 €, Schüler 2 €
Führungen: nach Vereinbarung, tel. Anmeldung für Gruppenführungen s. o. Tel.
(Gebühr 40 €)