Perspektivenwechsel in Sachen Familie

In einem Vortrag über „Pastoral und Politik“ vor Verantwortlichen für kirchliche Familienpastoral am Montag in Herrenberg machte er deutlich, Familien dürften nicht zuerst als Adressat kirchlicher Angebote und Gegenstand familienpolitischer Interventionen der Kirche betrachtet werden. Die „Stärkung der Familie“, ein Schwerpunkt der Tätigkeit des Bistums, beginne vielmehr mit der „konkreten Wahrnehmung der tragenden Bedeutung der Familien für Kirche und Gesellschaft“ und mit „der Erschließung von Möglichkeiten, die Belange der Familien, ihre Erfahrungen, Kompetenzen, Nöte und Bedürfnisse in der Kirche zur Geltung zu bringen“. Die Kirche dürfe sich nicht nur als familienfreundlich verstehen, sie müsse sich auch im konkreten Alltag wesentlich von den Familien getragen wissen, betonte Drumm. „Wie kommt der konkrete Alltag heutiger Familien zur Geltung? Werden die Erfahrungen von Lebenspartnern, von Eltern und ihren Kindern wahr- und ernstgenommen als Erfahrungen, aus denen die Kirche lernen kann?“, fragte selbstkritisch der katholische Theologe. Eine Pastoral, die bereit sei, sich in sämtlichen Vollzügen konkret von der Familienperspektive her gestalten und wandeln zu lassen, leiste bereits einen „zutiefst politischen Beitrag“ und wirke in modellhafter Weise „sensibilisierend, stabilisierend und korrigierend in die Gesellschaft hinein“.

Auf dieser Grundlage beruht für Drumm die Verpflichtung und die Glaubwürdigkeit, mit der sich die Kirche „am familienpolitischen Diskurs in der Gesellschaft und am konkreten politischen Geschäft“ beteiligt. Familienpolitik sei auf kommunaler und Länderebene ebenso wie in der Bundes- und Europapolitik eine Querschnittsaufgabe, die von der Balance zwischen Familien- und Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung über Steuergerechtigkeit und finanzielle Förderung, Solidarität zwischen den Generationen und familiengerechte Alterssicherung bis hin zu Arbeitgeber- und Personalpolitik reiche. Die Intervention der Kirche und der kirchlichen Verbände muss für Drumm auf eine umfassende familienpolitisch orientierte Reform der Strukturen des Sozialstaats abzielen. Dies erfordere jedoch eine „kritische Reflexion der eigenen pastoralen Praxis“. „Je sorgfältiger ein Bistum die Möglichkeiten familienpolitischen Wirkens im eigenen Gestaltungsraum entdeckt, um so wirksamer wird ihr Einfluss auf Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur sein“, betonte Drumm.