Politisches Potenzial des Christentums im pluralen Europa

Fundamente gesellschaftlicher Identität heute“ betonte der Bischof, wer diese Quellen ignoriere, sei geschichtsvergessen; ohne dieses Erbe sei Europa nicht zukunftsfähig. Er habe Sorge, dass ein von den Wurzeln des Christentums sich lossagendes größer werdendes Europa an der sozialen Dimension Schaden nehme. Allerdings sei das heutige Europa religiös, weltanschaulich und kulturell von einer ungeheuren Vielgestaltigkeit geprägt. Dabei müssten auch die prägenden Folgen der Europäischen Aufklärung und die heutige Präsenz des Islam gewürdigt werden. Christen bejahten dieses Pluralismus ausdrücklich als Ausdruck der schöpferischen Freiheit, die Gott den Menschen gewährleiste.

Die Bedeutung des Christentums in der europäischen Geschichte wird nach den Worten des Bischofs zwiespältig bewertet. Einerseits sei es unbestreitbar ein Kulturträger erster Ordnung. Andererseits habe das Christentum gegen seinen Charakter einer friedensstiftenden Religion immer wieder furchtbar gesündigt. Gerade politische Verantwortungsträger seien angesichts dieser Ambivalenz verunsichert, was vom Christentum an konstruktivem Beitrag zur Gestaltung Europa zu erwarten sei.

Dennoch seien christliche Überzeugungen für Europa nicht politisch funktionslos, betonte Bischof Fürst. Absoluten Vorrang habe in einem christlich geprägten Wertefundament Europas der absolute Vorrang der Menschenwürde. Das zeige sich gerade in den bioethischen Debatten. Die politischen Grundwerte Europas, solidarische Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit ließen sich auf ihr christliches Fundament hin durchsichtig machen und seien große Ideen des Evangeliums, lange vor der Französischen Revolution. Mit der schöpfungstheologisch begründeten Sicht, dass der Mensch als Mann und Frau Ebenbild Gottes sei, leiste die Bibel eine vorbildliche fundamentale Demokratisierung sozialer und politischer Beziehungen. Zugleich beinhalte der christliche Gottesbegriff eine Begrenzung der Zuständigkeit politischer Systeme durch eine autoritative Instanz vor und über aller politischen Macht. Staatliche Herrschaft und staatliches Handeln hätten dort eine Grenze, wo es um erste und letzte Werte gehe, betonte Bischof Fürst. Grundwertefragen dürften nicht von zufälligen Machtkonstellationen und Mehrheiten abhängig gemacht werden.

Eine eindeutige Absage erteilte Bischof Fürst allen Formen des Fundamentalismus. „Der Gott der Christen taugt nicht zum Gott politischer Extremisten oder Fundamentalisten“, betonte er. Das Christentum lege größten Wert darauf, die Religion der vernünftigen Argumentation gegenüber offen zu gestalten.

In einem eigenen Exkurs nahm der Bischof zum christlich-islamischen Verhältnis Stellung. Der Islam habe die europäische Kultur beeinflusst, ohne dass man allerdings von einer Prägung Europas durch ihn sprechen könne. Heute sei der Islam als eine Wirklichkeit in Deutschland und in Europa zu sehen. Von den mehr als drei Millionen Muslimen in Deutschland seien nach seiner Überzeugung die allermeisten friedliebende Mitbürger. Man müsse dringend von beiden Seiten in einen vertieften Dialog eintreten, um friedlich und gut miteinander leben zu können, so Bischof Fürst. Wegweisende Richtschnur seien dabei bereits die Aussagen in dem Dokument „Nostra Aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils.