Raus aus dem Hamsterrad

Angesichts einer immer stärker sich öffnenden Kluft zwischen gut Situierten und jenen, die im täglichen Existenzkampf stehen, solle die Kirche Vorbild einer solidarischen Gesellschaft sein, sagte Drumm am Samstag in Böblingen bei einem erstmals dort von der katholischen Kirche veranstalteten Dekanatsforum. Die Kirche müsse die Welt zwar nicht retten, aber „zeichenhaft sichtbar, erkennbar und erfahrbar werden lassen, dass die Welt gerettet ist“. Es werde schnell politisch, wenn dieser „Werkzeugcharakter“ zu Tage trete.

Drumm, der in der Leitung der Diözese Rottenburg-Stuttgart für den Bereich Kirche und Gesellschaft zuständig ist, rief zu politischem Handeln aus der Tiefe des Glaubens auf. „Eine Kirche, die der Tiefe traut, wagt die Weite“, betonte er. Immer mehr Menschen hätten Mühe, sich finanziell und existentiell über Wasser zu halten und rackerten sich dafür ab. Auf der anderen Seite rackerten sich gut situierte Menschen ab und hätten dabei das Gefühl, für die Sicherung ihres hohen Lebensstandards mit dem Verlust an Lebensqualität einen hohen Preis zu zahlen. „Beiden gemeinsam ist das Gefühl, in einem Hamsterrad zu sitzen, dessen Treiber sie nicht sind.“

Kirche, Politik und Wirtschaft sind nach Überzeugung Drumms gemeinsam gefragt,
konkrete Antworten zu suchen, um der sich immer stärker öffnenden Schere zwischen arm und reich zu begegnen und möglichst vielen Menschen Entwicklungs- und Teilhabechancen zu eröffnen. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart habe deswegen den Einsatz für soziale Gerechtigkeit zu einem besonderen Schwerpunkt für die nächsten Jahre erhoben.

Notwendig sei einer neue Kultur der Solidarität, zu der die Kirche viel beitragen könne, unterstrich der Ordinariatsrat. Potential für eine erneuerte Solidaritätskultur sei vorhanden. „Neue Netzwerke entwickeln sich, vor allem im sozialen Nahraum, im eigenen Stadtquartier, in der Nachbarschaft.“ Es werde zu einer „Deinstitutionalisierung“ kommen, in deren Zuge ambulante und stationäre Einrichtungen Ehrenamtliche fachlich unterstützen und Netzwerke begleiten würden. Dabei werde es weniger um Kostenersparnis als um die Entwicklung eines künftigen Gesellschaftsmodells gehen, sagte Drumm.

Uwe Renz