Rückkehr der Kategorie Verantwortung

Dies hat Bischof Gebhard Fürst am Donnerstag in einem Vortrag im Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen betont. „Sind Markt und Moral unvereinbare Gegensätze?“ war das Thema, zu dem der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart eingeladen worden war. Zwar klaffe zwischen der Botschaft Jesu und der modernen Wirtschaft anscheinend ein „garstig breiter Graben“, räumte der Bischof mit einem Zitat des Aufklärungsphilosophen Gotthold Ephraim Lessing ein. Die Wirtschaft folge eigenen Gesetzen und das Evangelium enthalte „keine Durchführungsbestimmungen zur Bewältigung politischer oder ökonomischer Sachprobleme“. Andererseits seien Christentum und Kirche herausgefordert, „wenn es um die Rahmenbedingungen geht, unter denen Wirtschaft und Unternehmertum überhaupt handeln sollen und gut handeln können“. Vor allem sei es ein „umfassender Begriff von Gerechtigkeit“, auf dessen Grundlage eine „regulative Idee von sozialer Gerechtigkeit unter den Bedingungen von Wirtschaft und Gesellschaft in der Moderne“ entwickelt werden müsse, betonte Bischof Fürst. Daneben stellte er weitere „Zielgrößen“ aus der katholischen Soziallehre: Solidarität, die „nicht nach individuellem Nutzen zu bilanzieren“ sei, ebenso das Prinzip der Personalität, demzufolge Freiheit und Würde der Person grundlegend seien; und schließlich die Subsidiarität, die auch die Förderung von Eigenverantwortung, Unternehmertum und Risikobereitschaft einschließe.

Christliche Werte seien keine Rezepte, betonte der Bischof. Aber sie stellten ein „Kritikpotenzial“ dar, von dem her nicht akzeptable Handlungsweisen ausgeschlossen werden können. Bischof Fürst nannte die jüngsten Skandale in der deutschen Wirtschaft „erschütternd“. Das Vertrauen in eine gesamte Gesellschaftsordnung werde so zerstört. „Ist die Wirtschaft dabei, die Ethik völlig zu vergessen?“, fragte der Bischof. Allerdings machte er auch einen „Sinneswandel auf breiter Front“ aus. Viele Unternehmer wüssten, dass der Erfolg eines Unternehmens „in einem rasant sich ändernden Markt immer mehr vor allem auch von Innovationskraft und Eigenverantwortung aller Mitarbeitenden“ abhänge. Mit dem Menschen aber kehre „die Frage nach ethischen Werten auf die Bühne wirtschaftlicher Diskurse zurück“, stellte Bischof Fürst fest. Insbesondere gehe es um Verantwortung. Macht sei ohne Verantwortung nicht denkbar. „Verantwortung“, so Bischof Fürst, „ist eine unverzichtbare Schüsselkategorie“ geworden, sowohl für Unternehmensführung als auch für moderne Gesellschaftsgestaltung insgesamt. Die wirtschaftlichen Prozesse hätten immer das gesellschaftliche Gefüge insgesamt betroffen. Der gegenwärtige Übergang von der Industrie- zur Wissens- und Informationsgesellschaft habe „Konsequenzen für die Kultur zwischenmenschlicher Beziehungen“ und wirke weit in das soziale Gefüge und in die persönlich-familiäre Lebensgestaltung hinein. Die Kirche als „Unternehmen“ und er selbst als Bischof in der „täglichen Spannung zwischen Management und Seelsorge“ seien in besonderer Weise gefordert, „zeichenhaft und wirksam zu handeln“ und eine Vorbildfunktion einzunehmen. „Das erhöht die Glaubwürdigkeit unserer Argumente, das sind wir den Gläubigen schuldig“, betonte Bischof Fürst. „Denn nicht an unseren Worten, an unseren Taten werden wir gemessen.“