Seelsorger mit Schutzhelm

Der im sozialen Bereich erfahrene Seelsorger soll für die mehreren tausend Arbeitskräfte, die im Lauf der Bauzeit in die Region kommen werden, ein seelsorgliches und soziales Netzwerk aufbauen und sich für angemessene Arbeitsbedingungen einsetzen. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart, das Stadtdekanat Stuttgart und das Dekanat Esslingen-Nürtingen haben die neue Stelle gemeinsam geschaffen. Der Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm Wolfgang Dietrich, die baden-württembergische Regionalleiterin der Industrie-Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Inge Hamm und der evangelische Wirtschafts- und Sozialpfarrer Martin Schwarz begrüßten bei dem Festakt nach dem Einführungsgottesdienst die Einrichtung der Stelle.

Die Betriebsseelsorgestelle ist nach Aussage des Leiters der diözesanen Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft Ordinariatsrat Joachim Drumm „Neuland“ für die Kirche. Eine vergleichbare Stelle habe es bisher in Deutschland nicht gegeben. Als Betriebsseelsorger soll Diakon Peter Maile die auf den Baustellen des Bahnprojekts Stuttgart 21 Beschäftigten in schwierigen Situationen begleiten, sie bei einer sinnvollen Freizeitgestaltung unterstützen, ihnen religiöse Angebote machen, sie mit den Kirchengemeinden und kirchlichen und sozialen Einrichtungen in Kontakt bringen und sich für faire Arbeitsverhältnisse einsetzen. Ordinariatsrat Drumm erklärte, gerade die in großer Zahl zu erwartenden Arbeitsmigranten seien „in besonderer Weise von prekären Arbeits- und Lohnbedingungen bedroht“ und zudem durch die räumliche Entfernung von ihren Familien belastet. Das habe die Diözese und die Dekanate Stuttgart und Esslingen-Nürtingen motiviert, die Stelle zu schaffen. Drumm betonte, die Einrichtung der Stelle sei keine Parteinahme für das Projekt Stuttgart 21 an sich. Diakon Peter Maile werde solidarisch für das Wohl der Arbeiter eintreten, nicht aber Partei im Streit um Stuttgart 21 ergreifen. Wohl könne es auch Gespräche mit den Verantwortlichen bei der Bahn und den beteiligten Unternehmen geben, jedoch ausschließlich im Sinne einer Anwaltschaft für die Beschäftigten. Mit Diakon Peter Maile habe Bischof Gebhard Fürst einen erfahrenen Netzwerker mit der Betriebsseelsorge Stuttgart 21 beauftragt.

Der Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm Wolfgang Dietrich erklärte, Betriebsseelsorger Peter Maile habe ihn bereits in einem ersten Gespräch „von der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit“ seiner Arbeit überzeugt. Die bauausführenden Firmen bemühten sich zwar darum, für die Arbeitsmigranten „Rahmenbedingungen zu schaffen, die ihnen nach getaner Arbeit eine Möglichkeit zur Erholung bieten und ein Stück Privatsphäre ermöglichen. Aber diese Rahmenbedingungen ersetzen noch lange nicht die mitmenschliche Fürsorge“. Dietrich erklärte seine Bereitschaft, sich auch mit den kritischen Fragen, die der Betriebsseelsorger möglicherweise stellen müsse, auseinanderzusetzen. Als Symbol für den Willen, Maile Zugang zu den Baustellen des Bahnprojekts zu verschaffen, überreichte Dietrich ihm einen Schutzhelm.

Der evangelische Wirtschafts- und Sozialpfarrer in der Prälatur Ulm Martin Schwarz wünschte dem katholischen Kollegen Gottes Segen. „Nach den heftigen Auseinandersetzungen um dieses Großprojekt stehen alle Beteiligten erheblich unter Druck, politisch wie finanziell. Die Gefahr ist groß, dass dieser Druck einfach nach unten weitergegeben wird“, erklärte Schwarz. Daher sei es wichtig, dass die Kirche auch hier „ihrer vornehmsten Aufgabe“ nachkomme, Anwältin der Menschen zu sein. Mit der Schaffung dieser Stelle trage die Diözese Rottenburg-Stuttgart „einer gewaltigen Herausforderung“ in der Arbeitswelt Rechnung.

Regionalleiterin Inge Hamm betonte, die IG BAU könne ihren Auftrag, „für möglichst ‚saubere’ Baustellen zu sorgen“, nicht allein erfüllen. Sie sei den Trägern dankbar für die Schaffung der Betriebsseelsorge Stuttgart 21. Sie forderte alle Einrichtungen und Bürger auf, wachsam zu sein, was die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Arbeitsmigranten angehe. Dass diese menschenunwürdig untergebracht seien und um Lohn betrogen würden, sei „fast normal“. Um diese Missstände zurückzudrängen, müssten alle Beteiligten zusammenarbeiten.

Der gelernte Heizungsinstallateur, Jugend- und Heimerzieher und Altenpfleger Peter Maile (51) arbeitete von 2000 bis 2012 als Diakon mit dem Schwerpunkt „caritative Arbeit“ in der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen. Zuvor hatte er als pastoraler Mitarbeiter in Bad Saulgau Erfahrungen in der Gemeinde- und Betriebsseelsorge gesammelt. Auf Landesebene engagierte sich Maile von 2005 bis 2011 im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz. Auf Diözesanebene war er Mitglied der Steuerungsgruppe Wohnungslosenhilfe. Diakon Peter Maile ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.