„Segnen Sie unseren Frieden“

Am Mittwoch und Donnerstag, 26. und 27. Mai, folgte er der Einladung des Großmufti von Sarajevo, Rais ul-Ulema Mustafa Ceriċ, der seinerseits im Mai 2007 im Rottenburger Bischofshaus zu Gast gewesen war.

Bosniaken, so Bischof Fürst, seien europäische Muslime und brächten durch ihr Leben zum Ausdruck, dass die Begegnung von Islam und Europa keinen Widerspruch bedeuten müssten. Der Bischof wies darauf hin, dass der Islam im Mittelalter die europäische Kultur entscheidend mit beeinflusst hätte. Es habe in der Geschichte immer schon Brücken zwischen Christentum und Islam gegeben, daran müsse man heute anknüpfen, um den Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. Der Islam sei in Deutschland und in Europa eine Realität. Was dies bedeute, hätten in Deutschland viele noch nicht begriffen. Allein in Deutschland lebten mehr als drei Millionen Muslime aus aller Herren Länder. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen seien friedliebende und um ein gutes Zusammenleben bemühte Menschen. Man müsse jetzt von beiden Seiten dringend in einen vertieften Dialog eintreten, um friedlich und gut miteinander leben zu können. Von Seiten der Christen bedeute dies Anerkennung und Respekt gegenüber dem Islam, aber auch den Willen, durch geduldigen beiderseitigen Dialog auf dem gemeinsamen und friedlichen Weg der Wahrheit zu gehen, betonte Bischof Fürst mit Bezug zum Vatikanischen Konzil. In den Konzilstexten finde er auch den Begriff der „Zeichen der Zeit“ und analog dazu in der Verfassung der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina den Hinweis auf die „Erfordernisse der Zeit“. Gemeinsam müssten Tradition und Gegenwart ernst genommen werden. Die Glaubensgemeinschaften müssten sich öffnen für das, was in der heutigen Welt geschieht, und auch über einen gemeinsamen Wertekanon mit einander ins Gespräch kommen, sagte Bischof Fürst.

Der Dialog sei für Muslime und Christen keine Frage des guten Willens, sondern eine zwingende Notwendigkeit, um die eigene Identität zu wahren, betonte Mustafa Ceriċ in seiner Antwortrede. In der geistigen Revolution, die sich seit einigen Jahren gegenüber dem einseitigen Rationalismus der vergangenen Jahrzehnte abzeichne, bestehe bei Muslimen die Gefahr, sich aus der scheinbar unmenschlichen Welt in die Isolation zurück zu ziehen und Andersdenkende, auch in der eigenen Religion, zu diskreditieren. Die Alternative dazu könne nur der Dialog sein und das Bemühen, einander näher zu kommen. Hier wisse er sich mit vielen Christen einig.

Es sei notwendig, so Ceriċ, den Islam in Europa heimisch werden zu lassen. Das stoße bei vielen Muslimen auf Abwehr und auf Angst, die eigene Identität zu verlieren; bei vielen Christen löse es umgekehrt die Besorgnis aus, der Islam schleiche sich in Europa ein. Eine Lösung könne nur im Dialog, im gemeinsamen Leben und in der gemeinsamen Aktion liegen.

Ceriċ lobte in diesem Zusammenhang die Rolle Deutschlands. Die Islamkonferenz entspreche ebenso seinen Vorstellungen von einer Institutionalisierung des Islam in Europa wie die Pläne, an deutschen Universitäten Zentren für islamische Studien einzurichten – unter anderem in Tübingen. Auch Bischof Fürst begrüßte die Idee eines Zentrums für Islam-Studien in Tübingen als wissenschaftlichen Gesprächspartner der katholischen und der evangelischen theologischen Fakultät. Es unterstütze die Pläne eines islamischen Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen in Deutschland; dafür müssten aber auch Lehrer ausgebildet werden, die befähigt seien, im Rahmen des allgemeinen Bildungsauftrags islamische Religion zu unterrichten.

Ausführlich und zustimmend wurden die Überlegungen zu einem islamisch-theologischen Zentrum in Tübingen auch in dem anschließenden Gespräch diskutiert, das Bischof Fürst mit Professoren und Studierenden der Fakultät für Islamische Studien in Sarajevo führte. Diese könne als bisher einzige Fakultät dieser Art in Europa für eine entsprechende Entwicklung in Deutschland eine zentrale Rolle spielen. Im Jahr 1887 gegründet, stehe sie wie kein anderer Ort für die Vereinbarkeit von Islam und Europa und mache deutlich, dass islamisch-theologische Qualifikation und europäische wissenschaftliche Qualität keinesfalls im Widerspruch zueinander stünden, betonte Bischof Fürst.

Das Gespräch zwischen den Religionen unterstütze die Humanität in den Gesellschaften, so hatte Bischof Fürst zu Beginn der Gespräche betont. Ein exemplarischer Ort dafür sei Sarajevo, wo Muslime, Christen und Juden seit Jahrhunderten in fruchtbarer Weise ihr Zusammenleben gestalteten und sich auch heute wieder darum bemühten. Zum Abschluss am Abend erinnerte Mustafa Ceriċ an den Krieg von 1991 bis 1995, der diese Gemeinsamkeit zunächst zerstört hatte. Heute sei man glücklich, dass diese Phase der Geschichte Vergangenheit sei, allerdings nach wie vor bedroht und zerbrechlich. „Segnen Sie unseren Frieden“, bat darum der islamische Großmufti den katholischen Bischof zum Abschied.

Dr. Thomas Broch