Seismographen mit Bindekraft

Diese Freiwilligen seien Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen und entfalteten Bindekraft für solidarisches Zusammenleben der Menschen, sagten der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg am Freitag vor Journalisten in Stuttgart. Sie äußerten sich vor der traditionell seit über 20 Jahren ökumenisch begangenen „Woche für das Leben“, die 2011 unter dem Motto steht „Ehrenamt – Einsatz mit Gewinn“.

Zum Auftakt der Aktionswoche, die Fürst und July am Sonntag (8. Mai) um 17 Uhr in der Tübinger Stiftskirche St. Georg gemeinsam eröffnen, unterschrieben die beiden Bischöfe 100 Dankeskarten an Ehrenamtliche. Insgesamt werden 45.000 solcher Karten an Ehrenamtliche verteilt. Ein Drittel der Bürger in Deutschland engagierten sich für andere, betonte Bischof Fürst und nannte als Beispiele Kirchengemeinden, Nachbarschaftshilfen, Kindergärten, Hospize und Tafelläden. Wenn es vielen auch nicht bewusst sei, spiele doch der christliche Glaube als Motivation nach wie vor eine große Rolle.

Bischof Fürst verwies auf eine Befragung der Bundesregierung von 2009, nach der die Kirchenbindung bei freiwillig Engagierten deutlich höher sei als im Schnitt der Bevölkerung. In Württemberg, so der katholische Bischof, gehörten Landeskirche und Diözese sowie deren Wohlfahrtsverbände zu den großen Anbietern freiwilligen Engagements. „Insgesamt rechnen wir für Württemberg mit annähernd 150.000 freiwillig Engagierten in den Reihen der beiden Kirchen.“

Freiwilliges Engagement soll nach der Überzeugung von Bischof Fürst von der Politik auf Bundes- wie auf Landesebene nicht kurzfristig gefördert, sondern in stabilen Konzepten abgesichert werden. Viele Menschen würden Bereitschaft zum Mitmachen zeigen, weil sie dabei persönliche Bestätigung und positiven Selbstwert erfahren.

Landesbischof July bezeichnete eine Gesellschaft ohne ehrenamtlich handelnde Menschen als undenkbar. Ihre Arbeit stärke Demokratie und solidarisches Miteinander. Dabei wollten Freiwillige heute selbst bestimmen, „wo, wie und wie lange sie sich einbringen“. In ihren Arbeitsfeldern nähmen Ehrenamtliche, so der Landesbischof, aufmerksam wahr, was sich verändert in der Gesellschaft. Als Reaktion auf solche Beobachtungen seien wichtige Bewegungen entstanden, etwa die Hospizbewegung oder die Initiative der Tafelläden.

Nach dem Wegfall des Zivildienstes sei die Einführung eines Bundesfreiwilligendienstes zu begrüßen, betonte Bischof July. Von der Politik erwarte er, dass das Ehrenamt mehr Wertschätzung erfahre, etwa durch die Anerkennung ehrenamtlichen Engagements zur Erleichterung in eine berufliche Ausbildung oder durch Vergünstigungen im öffentlichen Leben.

Uwe Renz