Setzen wir auf die Liebe zur Macht oder auf die Macht der Liebe?

Gemeinsam mit dem Erzbischof von Santiago des Compostela, Julian Barrio Barrio, feierte er dort am Vorabend des Blutritts einen Gottesdienst mit anschließender Lichterprozession.

Heilig-Blut-Verehrung und Glaubenszeugnis, so der Weihbischof weiter, hätten für Sproll zusammen gehört. In Weingarten habe er nicht nur bei verschiedenen Anlässen konkrete Kritik an den nationalsozialistischen Machthabern geübt, sondern hier habe er auch gegen den nationalsozialistischen Mythos von Rasse und Blut Stellung genommen.

Auch heute sei die Verehrung der Heilig-Blut-Reliquie und der alljährliche Blutritt ein „Leuchtturm des christlichen Glaubens in der Zeit“, betonte Kreidler. Die Wallfahrt sei in der Lebens- und Glaubenskultur Oberschwabens ein beeindruckendes Bekenntnis. Der Glaube „mit dem Zeichen des aus Wunden blutenden Gekreuzigten“ mache keinen Umweg um Leid und Tod. „Das Blut Jesu Christi ist das Zeichen, dass er sich gerade den Situationen stellt, in denen die Menschen am hilflosesten und gefährdetsten sind“, so Weihbischof Johannes Kreidler. Dieser Glaube sei ein entscheidender Impuls in einer Welt, die aus vielen Wunden blute, in der es auf viele Fragen keine Antwort gebe und wo die Menschen „in dieses Geflecht der offenen Wunden und der offenen Fragen hineingestellt“ seien. Der Glaube an Jesus Christus spreche von einem Gott, der keine theoretischen Antworten auf die Kreuzwege und die Spannungssituationen der Menschen gebe, sondern „sich selbst gegen das Leid und den Tod in die Waagschale“ werfe. Erlösung bedeute für den christlichen Glauben, dass Gott sich ganz auf die Seite der Menschen begebe. „Gott strebt nicht hoch hinaus, er ist tief herunter gekommen – Transzendenz nach unten“, so der Weihbischof. Wer bekenne: „Jesus Christus ist der Herr“, bringe damit zum Ausdruck, dass derjenige letztlich die Macht in Händen habe, der sich ganz für den anderen hingebe. „Nur Hingabe und Sich-Einlassen werden die Welt retten.“

Das Wirken Bischofs Sprolls sei von diesem Bekenntnis zur alleinigen Herrschaft Jesu Christi durchdrungen gewesen – in entschiedener Gegnerschaft zu dem Machtanspruch der Nationalsozialisten. Er habe seinen Bischofswahlspruch „Fortiter in fide – tapfer im Glauben“ glaubwürdig eingelöst: „Tapfer, stark, nicht spielend oder probierend, aufs Geratewohl, nicht ad experimendum, nicht als Arbeitshypothese, nicht auf Widerruf.“ Auch im ohnmächtigen und einsamen Erleben des Exils sei er Glaubenszeuge geblieben, erinnerte Weihbischof Kreidler.

Heute sei es in unserer Gesellschaft nicht mehr lebensgefährlich, gesellschaftliche Fehlentwicklungen anzuklagen. Dennoch lade das Lebensbeispiel Sprolls dazu ein, unter den eigenen konkreten Lebensbedingungen Gesicht zu zeigen – „das eigene Gesicht“. Letztlich gehe es immer wieder um die eine Grundfrage: „Setzt man im Leben auf die Liebe zur Macht oder setzt man auf die Macht der Liebe?“