„Sich abzuschotten kann und darf nicht der Weg der Kirche sein“

Der auf zwei Jahre angelegte Prozess war von den beiden Gremien mit vorbereitet und am vergangenen Samstag, 26. März, vom neu gewählten Diözesanrat bei dessen konstituierender Sitzung im oberschwäbischen Kloster Reute beschlossen worden.

Der gesellschaftliche und innerkirchliche Hintergrund dieses Prozesses, so Bischof Fürst, sei der „schwerwiegende Vertrauens-, Glaubwürdigkeits-, Akzeptanz- und Relevanzverlust“, vor dem die Kirche stehe. Der Missbrauchsskandal habe wie ein Ventil gewirkt, durch das jetzt vieles lange Aufgestaute mit großem Druck nach außen dränge. „Zwischen dem Mainstream des modernen Lebensgefühls und dem Bild, das die offizielle Kirche vielfach vermittelt, entsteht eine immer tiefere Kluft“, betonte der Bischof. Auch in der Kirche selbst seien viele enttäuscht und sagten, es bewege sich nichts mehr. Die Kirche müsse den Mut haben, in diesen Spiegel zu schauen, auch wenn dies bitter sei.

Bischof Fürst warb für eine geistliche und strukturelle Erneuerung. Das bedeute eine Rückbesinnung auf das Evangelium, die aber immer im Kontext der jeweiligen Zeit stehe. Auch wenn die heutigen Fragestellungen in allen Lebensbereichen äußerst komplex und kaum überschaubar seien, wäre ein Rückzug ins scheinbar Sichere und Überschaubare eine Illusion. „Nichts ist dauerhaft überschaubar und sicher“, betonte der Bischof. „Sich abzuschotten kann und darf nicht der Weg der Kirche sein. Denn unsere Kirche ist eine Kirche der Hoffnung und des Zukunftsvertrauens und nicht der Angst.“ Immer müsse es darum gehen, dass die Kirche auf Christus und auf die befreiende Botschaft des Evangeliums hin transparent werde.

Der Erneuerungsprozess werde in einem vorbehaltlosen Dialog in den Gemeinden, Seelsorgeeinheiten und Regionen vorangebracht, erläuterte Bischof Fürst. Wichtig sei es dabei auch, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich von der Kirche innerlich entfernt hätten „oder von denen sich die Kirche nach und nach entfernt hat“. Manchmal seien Menschen hilfreich und wegweisend, „die normalerweise nicht zu den von der Kirche konsultierten Ratgebern gehören“. Es gehe darum, „Tore zu öffnen, durch die Menschen eintreten können und durch die wir hinaus zu ihnen gehen“, unterstrich Bischof Fürst und warb für eine Atmosphäre und Spiritualität der Hoffnung anstelle eines defensiven und ängstlichen Verhaltens, aber auch für eine Atmosphäre des Respekts vor der Meinung anderer. Dialog bedeute immer ein gemeinsames Ringen um Wahrheit, Rechthaberei diene der Wahrheit nicht.

Diözesanratssprecher Johannes Warmbrunn rief dazu auf, den Dialogprozess zu unterstützen. Es gebe skeptische Stimmen gegenüber dem Dialog- und Erneuerungsprozess, die diesen entweder nicht für notwendig oder aber nicht für aussichtsreich hielten. „Gar keinen Dialog zu führen, wäre indessen aus meiner Sicht die denkbar schlechteste Variante“, betonte Warmbrunn. Welche Ergebnisse letztlich für Erfolg oder Misserfolg stünden, lasse sich jetzt nicht sicher prognostizieren. Aber eine Forderung sei unbestreitbar: „Der Stil des Umgangs miteinander, die Fähigkeit, authentisch wahrzunehmen, alles auf sich wirken zu lassen und danach mit Augenmaß zur richtigen Zeit und in spürbarer Ausprägung die notwendigen Schritte zu tun – das ist es, woran wir gemessen werden.“

Auch Priesterratssprecher Herbert Schmucker unterstrich die Notwendigkeit des Prozesses: „Unsere Kirche wäre nicht die Kirche Jesu Christi, wenn sie sich nicht immer wieder erneuern würde.“ Auch für die Priester gebe es viele offene Fragen, die in dem Dialogprozess Platz finden könnten, wie den Umgang mit der Schuld von Priestern bei den Missbrauchsfällen, den Priestermangel, die Zölibatspflicht, das Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt oder die zeitgemäße Glaubensverkündigung.

Dr. Thomas Broch