Spiritualität

Sich im „Nightfever“ den Dunkelheiten stellen

Still werden, eine Kerze anzünden, sich segnen lassen: "Nightfever" versteht sich als eine Initiative junger Christinnen und Christen, die die Freude am Glauben erfahren haben und andere einladen möchten, sich von Gott berühren zu lassen. Foto: DRS/Jerabek

Sich den Dunkelheiten in der Welt und in sich zu stellen und selbst ein Licht anzuzünden, dazu lädt „Nightfever“ ein.

Einfach mal zur Ruhe kommen, in einer stimmungsvoll beleuchteten Kirche meditative Lieder auf sich wirken lassen, eine Kerze anzünden, ein Gebetsanliegen formulieren, sich segnen lassen und vielleicht diesem Gott nachspüren, der oft unbegreiflich ist – das ist „Nightfever“. Einladend und niederschwellig ist dieses Angebot, bei dem sich mehrmals im Jahr an vielen Orten der Welt Räume öffnen für einen geplanten oder auch ganz spontanen Kirchenbesuch. Seit vier Jahren auch in der Ulmer Wengenkirche.

In der allgemeinen Geschäftigkeit des Advents ist „Nightfever“ ein Kontrastprogramm. „Könnte es sein, dass unsere Welt so viel Weihnachtsdeko braucht, weil wir verstecken müssen, dass dahinter einfach nichts mehr steckt?“, fragte Vikar Michael Schönball im Gottesdienst zu Beginn des Abends. „Könnte es sein, dass es so viele Geschenke an Weihnachten braucht, weil wir vergessen haben, dass es an Weihnachten das größte Geschenk eigentlich von Gott gibt? Dass es so viele Leuchtsterne und Lichter in den Städten braucht, weil wir das eigentliche Licht der Welt, nämlich Christus, gar nicht mehr sehen können?“ Wenn der Kern des Weihnachtsfestes in unserer Gesellschaft „ein bisschen verloren gegangen“ sei, liege in diesem corona-bedingt besonderen Advent auch eine Chance, sagte Schönball. Wenn keine Weihnachtsmärkte und keine Weihnachtsfeiern stattfinden könnten, gebe es (mehr) Zeit – „Zeit für Gott, Zeit um sich vorzubereiten“.

Raus aus dem Stress

Johannes der Täufer mache vor, was Advent im Tiefsten sein soll: „Abkehr vom Trubel, raus aus dem Stress, einfach mal nicht mitmachen, besonders da, wo Weihnachten nur zum Konsumfest verkommt“, sagte der Wiblinger Vikar in Anspielung auf das Tagesevangelium. Johannes der Täufer zeige aber noch mehr: „Er ruft die Menschen zur Umkehr auf und er zeigt ihnen die Dunkelheiten ihrer Welt auf.“ Und auch das sei Advent: sich diese Dunkelheiten nicht schön- oder hellzureden, sondern aushalten und sich nicht daran gewöhnen. Den Schmerz aushalten, etwa „darüber, dass immer mehr Beziehungen auseinandergehen; den Schmerz darüber, dass immer mehr Kinder in Armut leben“; dass Frauen auch hierzulande in Zwangsprostitution leben und politisch sich kaum etwas tut; den Schmerz über eine Welt, in der bei uns für eine Viertelstunde Zeitgewinn zwischen Stuttgart und Ulm Milliarden investiert werden, während in der Welt Milliarden glücklich wären über ein Fahrrad, das ihnen dabei hilft, das Essen zu sammeln, das sie am selben Abend noch essen wollen.

„Wieviel Dunkelheit und Not und Leid gibt es in der Welt! Der Advent will, dass wir dafür die Augen offenhalten, dass wir uns auf keinen Fall daran gewöhnen“, sagte Schönball. Diese Dunkelheit, die die Welt kennt, gebe es aber auch im Leben eines jeden von uns: Not, Tod, Trauer, Leid und auch eigene Schuld. „Stellen wir uns dieser Dunkelheit“, forderte der Vikar und lud zum seelsorglichen Gespräch und zum Sakrament der Versöhnung ein, das als Angebot ebenfalls zum festen Bestandteil von „Nightfever“ gehört. „Denn nur wenn wir uns unserer eigenen Dunkelheit stellen und der der Welt, dann werden wir erfahren, dass Jesus gerade in die Nacht, in die Dunkelheit hineingeboren werden will; dass sein Licht die Nacht nicht nur überdeckt, sondern sie wirklich erhellt.“ Wenn Jesus an Weihnachten „nicht in dir und in deinem Herzen geboren wird, dann ist er in Bethlehem umsonst geboren“, zitierte Schönball den Mystiker Meister Eckhart.

Gute Arten der Vorbereitung

Neben dem Fasten und der Abkehr von der Welt, wie sie Johannes der Täufer gelebt habe, gebe es aber auch viele positiven Arten der Vorbereitung auf Weihnachten, die es zu entdecken gelte. Papst Franziskus empfehle vier Mittel: das Beten, die Sakramente empfangen, besonders die Eucharistie; den Heiligen Geist bitten, dass er konkret in das eigene Leben hineinwirke; den Armen helfen, also auch Menschen beschenken, die nichts zurückschenken können.

Ein Geschenk, das der Schwesternkonvent der Wengenkirche den Besuchern von „Nightfever“ macht, ist, dass die Schwestern die Bitten und Sorgen, die Menschen auf einen Zettel schreiben, im Gebet vor Gott tragen. Und jeder der möchte, kann in Gegenwart des in einer hell erleuchteten Monstranz zur Anbetung ausgesetzten eucharistischen Herrn eine Kerze entzünden – verbunden mit einer Fürbitte, einer Sorge, einem guten Vorsatz.

INFO

Nightfever

"Nightfever" versteht sich als "eine Initiative junger Christen, die die Freude am Glauben erfahren haben und andere einladen möchten, sich von Gott berühren zu lassen". Kennzeichen dieses offenen Angebots ist die Einladung, gerne auch spontan in die Kirche zu kommen, eine Kerze zu entzünden, der Musik zu lauschen, eine Bibelstelle zu ziehen, einen Segen zu empfangen, das Angebot zum Gespräch wahrzunehmen oder das Sakrament der Versöhnung zu empfangen. Die Initiative entstand nach dem Kölner Weltjugendtag 2005 in Bonn und hat sich seitdem in 27 Länder ausgebreitet. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart findet "Nightfever" regelmäßig in Stuttgart und Ulm statt. Nächster Termin: 12. Dezember 2020 in der Domkirche St. Eberhard, Königstraße 7 in Stuttgart, von 18 bis 19.30 Uhr.

https://nightfever.org