„Solidarität in den Wunden“

Anlässlich der Feier des 150-jährigen Klosterjubiläums der Untermarchtaler Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul und ihrer 110-jährigen Präsenz im Vinzenz-von-Paul-Hospital in Rottenmünster (Rottweil) beglückwünschte Weihbischof Kreidler die Schwestern dazu, dass von ihnen eine „Segensspur hinein in die ganze Diözese“ führe. Zusammen mit den Ärzten und den Mitarbeitenden der psychiatrischen und neurologischen Fachklinik in Rottenmünster strahlten sie Glaubwürdigkeit aus, betonte Kreidler. Die Jubiläumsfeier und der Rückblick in die Vergangenheit gebiete es, besonders auch der Opfer des Nationalismus „in Ehrfurcht und Scham zu gedenken“, die im Rahmen der so genannten Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten ermordet worden sind.

Was in Rottenmünster geleistet werde, sei das Gegenbild zu einer Gesellschaft, in der die „Solidarität in den Wunden“ oft „künstlich auseinander dividiert“ werde: „Auf der einen Seite die Starken, die Sieger, die in ihrem Zwang zur Perfektion die dunklen und bedürftigen Seiten des Lebens nicht mehr zulassen dürfen, und auf der anderen Seite die Schwachen, seelisch Kranken und Behinderten, deren offensichtliche Bedürftigkeit nicht sein darf.“ Kreidler beklagte in der heutigen Gesellschaft einen „Kult der Stärke und der Schönheit“. Das Idealbild des modernen Menschen sei der perfekte, makellose und schöne Mensch, die dunklen Seiten des Lebens zeige man nicht. Misserfolge, Trauer, Angst, krank oder schwach zu sein gehöre zu den Tabuzonen. Dabei nehme die Angst der Menschen zu, dass sie wirtschaftlich oder seelisch abstürzen können. In Rottenmünster, so der Weihbischof, erführen Menschen therapeutische, neurologische und psychologiche Hilfe, die mit der Zerbrechlichkeit des eigenen Lebens konfrontiert worden seien. Dort wissen man um die Verletzlichkeit und den „fragmentarischen Charakter“ des menschlichen Lebens, von dem niemand dispensiert sei.

Was sich heute in Rottenmünster entwickelt habe, sei „enorm“, betonte Weihbischof Kreidler. Das 1898 gegründete Krankenhaus, die heutige psychiatrische und neurologische Fachklinik, genieße zusammen mit dem dortigen Luisenheim und drei Tageskliniken einen hervorragenden Ruf – „medizinisch-fachlich und auch in ihrem christlichen Profil“. Die vielfältigen Möglichkeiten von Diagnostik und Behandlung in der modernen Medizin und Psychiatrie, so Kreidler, seien ein Segen für den Menschen. Doch bleibe es eine Wahrheit, dass gerade bei psychisch kranken Menschen Heilung erst in Gang komme, wenn sie „die Erfahrung machen, in ihrem So-sein noch angesehen und angenommen zu sein“. Wo Heilung als Wiederherstellung des früheren Gesundheitszustandes nicht mehr möglich sei, leuchte ein „umfassenderer Begriff von Heilung“ auf, eine „Erfahrung von tiefem Gehaltensein und innerem Einverständnis“. Heilung im christlichen Sinn bedeute „Versöhnung mit der Wirklichkeit“, sagte der Weihbischof.

Angesichts des zunehmenden ökonomischen Drucks in der Krankenhauslandschaft bedeute das Wort „Liebe sei Tat“ des heiligen Vinzenz von Paul eine enorme Zukunftsherausforderung für die Klinik in Rottenmünster. Er habe großen Respekt vor dem Bemühen, Menschenwürde im Sinne der Bibel „in die ökonomischen Zwänge hinein zu buchstabieren und ein christliches Profil zu entwickeln. „Wer Ethik ernst nimmt, der muss dazu stehen, dass auch im Gesundheitsbereich der Markt eben nicht alles regelt“, betonte Weihbischof Kreidler. Angesichts der Fragen von Qualitätsmanagement und Profil sei das Wort Vinzenz von Pauls zukunftsweisend: „Liebe ist unendlich erfinderisch.“