Solidarität ohne Verfallsdatum

In dieser für die Bewohner von Onna bedrückenden Situation setzt die Diözese Rottenburg-Stuttgart ein Hoffnungszeichen, indem sie unverzüglich die Vorbereitungen für den Wiederaufbau der stark zerstörten Kirche im Ortszentrum übernommen hat. Am 4. Dezember konnte Giese jetzt in einer Gemeindeversammlung das bisher Erreichte und die in Arbeit befindlichen Gutachten vorstellen. Etwa 40 Personen waren in den Kindergarten der provisorischen Siedlung gekommen, in denen die obdachlos gewordenen Menschen seit Monaten leben. Die Veranstaltung sei von „sehr, sehr großer Aufmerksamkeit“ geprägt gewesen; die Menschen seien „berührt“ gewesen, schildert Giese die Atmosphäre. Zweieinhalb Stunden lang hätten die Besucher Fragen gestellt und diskutiert. Wie wichtig ihnen ihre Kirche ist, so Giese, zeige sich auch daran, dass beim Bau der Notkirche in der provisorischen Siedlung architektonische Elemente der alten Pfarrkirche aufgegriffen worden seien. In dieser Situation der Heimatlosigkeit sei die Kirche ein Ort der Identifikation und der Heimat.
Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Sicherungsarbeiten an den noch vorhandenen Gebäuderesten der Pfarrkirche San Pietro Apostolo und die Bergung wertvoller Ausstattungsstücke und Kunstgegenstände abgeschlossen, berichtet Giese. Dabei seien Fresken aus dem 13./14. Jahrhundert an der Rückwand der Westfassade zutage getreten, deren Existenz nicht mehr bekannt gewesen sei. Vor Einbruch des Winters sei nun auch ein Witterungsschutz errichtet worden, der die Gebäudereste in dem 600 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Abruzzendorf vor Regen, Schnee und Frost schützt. Der Abschluss der Bergungsarbeiten ist nach Auskunft von Giese die Voraussetzung dafür gewesen, ein „verformungsgerechtes Aufmaß“ der Kirche anzufertigen, das auch alle Wanddeformationen und ähnliche Schadensspuren berücksichtigt. Mit diesen Plänen können nun durch ein Team deutscher und italienischer Fachleute statische, kunsthistorische und bauhistorische Analysen vorgenommen werden. Gleichzeitig schreibt ein in Onna lebender Journalist an einer Ortsgeschichte, ebenso ist eine Baugeschichte der Kirche anhand alter Pläne und Fotos im Entstehen. Eine ganze Menge Aufgaben sind also zu erledigen, bis eine vollständige Beschreibung der Bauaufgabe und damit auch eine exakte Kostenschätzung erarbeitet werden kann.

Mit der Steuerung des gesamten Projekts hat der Rottenburger Diözesanbaumeister eine äußerst komplexe Kooperations- und Koordinierungsaufgabe zu leisten. Absprachen gilt es unter den unterschiedlichen Experten zu treffen; „auf gutem Weg“ seien auch die Verhandlungen zwischen der italienischen und der deutschen Regierung, die die Kosten trägt. Eine schöne Erfahrung ist für Giese das Engagement zahlreicher Jugendlicher aus aller Welt, darunter auch vieler Deutscher, die im Rahmen der Organisation „Legambiete“ freiwillige Aufbaudienste leisten. Für die Bevölkerung von Onna sei diese anhaltende Solidarität von großer Bedeutung. Sie schaffe Vertrauen und Lebensmut bei den Leidtragenden der Naturkatastrophe, dass gegebene Versprechen auch gehalten werden – ein Gegenbeispiel zu der häufigen Erfahrung, dass nach Katastrophen mit dem Verschwinden der TV-Teams auch rasch die Solidarität der Außenwelt verschwinde. Gleichsam als Zeichen dafür, dass die Verbundenheit stabil ist, konnte Giese der Gemeinde in Onna zur Einweihung ihrer Notkirche „Santa Madonna delle Grazie“ eine großformatige Reproduktion eines mittelalterlichen Martinusbildes aus dem Rottenburger Diözesanmuseum überreichen. Die Mantelteilung ist für die Diözese Rottenburg-Stuttgart, die den heiligen Bischof von Tours zum Patron hat, Vorbild für eine Solidarität, die nicht dem Verfallsdatum der Tagesaktualität ausgesetzt ist.