Spiritualität statt Aktionismus in der Ökumene

Zwar stellt der Rottenburger Domkapitular – wie jüngst in einem Vortrag in Schorndorf – fest, die ökumenische Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei der Ernüchterung gewichen, an die Stelle einer „Ökumene der Annäherung“ und einer „Konsens-Ökumene“ sei eine „Ökumene der Profile“, eine „Differenz-Ökumene“ getreten. Äußerungen von katholischer wie von evangelischer Seite in den letzten Jahren hätten ein „unterschiedliches Grundverständnis von Kirche“ deutlich gemacht, „das wohl hinter allen Unterschieden steht“. Doch habe die Besinnung auf das jeweils eigene Profil der Kirchen auch „ein Gutes“, denn, so Bour, „eine Kirche ohne Profil hat ökumenisch nichts zu beitragen“. Allerdings dürfe Profilierung nicht Rechthaberei oder „Rückfall in eine längst überholte Polemik“ bedeuten.

Einen „Weg aus der Sackgasse“ weist für Bour die „Charta oecumenica“, unterzeichnet 2001 von allen Kirchen Europas und 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin von den Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Entscheidend sei darin vor allem die Selbstverpflichtung der Kirchen, die „Selbstgenügsamkeit zu überwinden“. Da alle Kirchen Defizite hätten, müsse es um „Ökumene der Bekehrung statt einer Ökumene der Behauptung“ gehen. Ökumene bedeute aber auch einen „Austausch von Gaben“, da alle Kirchen ihre Reichtümer hätten, die es zu entdecken gelte. In einer so verstandenen Ökumene, so der Rottenburger Ökumene-Referent, „wird niemand ärmer, sondern alle reicher“.

In vier Bereichen muss für Bour die Ökumene künftig voran gebracht werden. Er fordert eine „Ökumene des Lebens“, die auf einer menschlichen Atmosphäre des Vertrauens basiert. In einer „Ökumene des Handelns“ geht es für ihn um die vielfältigen Möglichkeiten praktischer Zusammenarbeit etwa im sozial-caritativen, im ethischen oder kulturellen Bereich sowie im so genannten „Konziliaren Prozess“ für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Im theologischen Dialog, der „Fundamentalökumene“, dürfe die Wahrheitsfrage „nicht pragmatisch übergangen“ werden. Heute stehe das Gespräch über das Kirchenverständnis ganz oben auf der Agenda. Ohne eine „ökumenische Spiritualität“ bzw. einen „geistlichen Ökumenismus“ schließlich bleibe das gemeinsame Handeln reiner Aktionismus, und der theologische Dialog drohe „zum akademischen Glasperlenspiel zu verkommen“. Die Mitte aller ökumenischen Bemühungen muss für Bour „eine Spiritualität sein, die uns geistlich und demütig macht“.