Tagung

Spirituellen Missbrauch aufdecken, Autonomie ermöglichen

Über spirituellen Missbrauch sprachen Seelsorgerinnen und Seelsorger bei der Tagung "Aufrecht" in der Akademie der Diözese. Bild: DRS/Christiane Bundschuh-Schramm

Über spirituellen Missbrauch sprachen Seelsorgerinnen und Seelsorger bei der Tagung "Aufrecht" in der Akademie der Diözese. Bild: DRS/Christiane Bundschuh-Schramm

Über spirituellen Missbrauch sprachen Seelsorgerinnen und Seelsorger aus der gesamten Diözese bei der Tagung "Aufrecht" in der Akademie.

„Die heutige Tagung ist der Auftakt, sich als Diözese intensiv mit der Thematik des spirituellen Missbrauchs auseinanderzusetzen“, sagte Weihbischof Matthäus Karrer im abschließenden Plenum der Tagung „Aufrecht“ am 30. September und 1. Oktober im Tagungshaus der Akademie in Stuttgart-Hohenheim.

Die beiden Referent/inn/en, Dr. Klaus Mertes und Dr. Doris Reisinger, stellten zwei Tage lang ihre Expertise zur Verfügung, um diesen Auftakt zu gestalten. Beide sind Experten in der Thematik: Klaus Mertes, der den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche aufgedeckt hat und nicht müde wird, die Aufarbeitung einzufordern, und Doris Reisinger, die sich aus eigener Betroffenheit mit geistlichem Missbrauch beschäftigt und dazu einschlägige Bücher veröffentlicht.

Verwechslung der geistlichen Person mit der Stimme Gottes

Geistlichen Missbrauch müsse man „eng verstehen“, so Mertes. „Es handelt sich um eine Verwechslung der geistlichen Person mit der Stimme Gottes.“ In einem Fall verwechsle der Seelenführer/die Seelenführerin die eigene Stimme mit der Stimme Gottes, im anderen Fall verwechsle der/die Geführte den Seelenführerin oder die Seelenführerin mit der Stimme Gottes. Es gebe auch den Fall, dass die Verwechslung auf beiden Seiten liegt. Immer, so Mertes, hätten diese Fälle die verheerende Folgen der Anmaßung göttlicher Autorität, der Verabsolutierung eigener nicht absoluter Aussagen und der blinden Gefolgschaft aufgrund vorgetäuschter Tatsachen.

Dabei ist es Mertes wichtig zu erkennen, dass die Beziehung Seelsorger/in und Klient/in asymmetrisch ist und dass der Seelsorger und die Seelsorgerin Macht besitzt. Diese Macht werde der seelsorgenden Person aus Vertrauen gegeben und sei mit einer hohen Verantwortung verbunden. Sie sei nicht das Ziel, sondern nur ein Mittel, das gerechtfertigt ist, wenn sie dazu diene, den/die Ratsuchende zu ermächtigen, ihren eigenen spirituellen Weg zu gehen. Sobald das der Fall ist, müsse die ratsuchende Person aus dieser asymmetrischen Beziehung wieder entlassen werden oder diese selbst beenden können. Die Kritik, so Mertes, müsse daher ein permanenter Begleiter der Macht sein. Wer Macht hat, müsse sich selber kritisch zum eigenen Machtgebrauch verhalten und auch von anderen kritisieren lassen.

Vom Recht auf geistliche Selbstbestimmung

Für die zweite Referentin der Tagung, Doris Reisinger, hat jeder Mensch ein Recht auf geistliche Selbstbestimmung. Wenn diese verletzt wird, liege spiritueller Missbrauch vor. Analog liegt sexueller Missbrauch vor, wenn die sexuelle Selbstbestimmung verletzt wird. Geistliche Selbstbestimmung bedeute, dass jeder Mensch frei ist, seinem eigenen Leben und allem, was darin geschieht, einen Sinn zu geben, so dass es möglich ist, gut damit zu leben. Dabei könne  jeder auf spirituelle Ressourcen der christlichen Religion zurückgreifen, auf ihre Narrative, Rituale, Theologien und Sozialformen, um diesen Sinn zu finden und auch in schwierigen Situation neu zu gewinnen. Es gebe weder die eine christliche Spiritualität, noch gebe es eine Autorität, die vorschreiben kann, auf welche Sinnressourcen ein Mensch zurückgreift. Stattdessen gelte der christliche Grundsatz, dass Glaube Freiheit voraussetzt. Reisinger sagte: „Den Sinn meines Lebens bestimme ich.“

Geistlicher Missbrauch habe drei Stufen, so Reisinger: Vernachlässigung, Manipulation und Gewalt. Vernachlässigung sei dabei die häufigste Form des geistlichen Missbrauchs in der Kirche, Manipulation die gefährlichste. Seelsorge ist für Reisinger „das Anbieten und Vorschlagen spiritueller Ressourcen, die einer Person für ihre eigene Sinnfindung dienlich sind, und die sie so ausstatten, dass sie auch in Krisen handlungsfähig ist und bleibt.“ Wenn diese Seelsorge in der Kirche vernachlässigt wird, geschehe die erste Stufe geistlichen Missbrauchs. Es gehe dann nicht um die individuellen Wege der Menschen, um Ermächtigung und Freigeben, sondern um Programm, um Selbsterhalt, um alles Mögliche andere, aber nicht um die eigentliche Aufgabe: Menschen zu unterstützen und zu ermächtigen, ihren eigenen spirituellen Weg zu finden und zu gehen.

Manipulation unter dem Deckmantel der Fürsorge

Manipulation liege vor, wenn das geistliche Leben fremdbestimmt ist, so Reisinger. Manipulation kleide sich oft in besondere Freundlichkeit, in Fürsorge und Aufmerksamkeit, aber dahinter stünden oft subtile Mechanismen, einen Menschen zu spirituellen Handlungen und geistlichem Denken zu bewegen, das er eigentlich nicht will. Wenn so etwas passiert, sagt Reisinger, spüren Menschen oft ein Grummeln im Bauch. Oft merkten sie nicht, was passiert. Sie entlarvten nicht, dass sie gezielt und gegen ihren Willen beeinflusst werden. Gewalt, die dritte Stufe, liege vor, wenn man zu geistlichen Handlungen gezwungen wird, die man nicht will.

Die Teilnehmenden der Tagung „Aufrecht“ bearbeiteten in Gruppen ihre eigenen Erfahrungen und die eigene Betroffenheit. Auf die Frage, was die Diözese tun kann, schlugen die Referenten vor, die administrative Leitung und die Seelsorge quasi als präventive Maßnahme zu trennen. Es solle ein Leitbild entwickelt und ein Klima etabliert werden, das zu spiritueller Autonomie führt und Personen, die dies nicht teilen, hier nicht arbeiten können. Zudem sollten Interventionsabläufe gesichert werden, wenn geistlicher Missbrauch geschieht – wo er angezeigt werden kann, Verfahren der Bearbeitung und entsprechende Handlungen.

Hilfe suchen, die tragen kann

Auf die Frage, was Seelsorger/innen tun können, wenn jemand von spirituellem Missbrauch in der Beratung berichtet, was meist ohne ihn so zu bezeichnen geschieht, antwortet Reisinger: „Die Personen sollten erzählen, immer und immer wieder erzählen.“ Dann sollten sie unterstützt werden, dass Verletzendes abgelegt werden kann, indem es zum Beispiel theologisch aufgearbeitet wird. Zuletzt sollte Hilfe gesucht werden. „Eine Hilfe, die tragen kann.“

Die spirituelle Autonomie sei eine zentrale Dimension der christlichen Tradition, so Reisinger. Freilich gebe es auch die andere, die Tradition spiritueller Autorität, die vorgeben will, wie jemand geistlich zu leben hat. In der Kirche liegen von alters her beide im Streit. Vielleicht müsse das so sein, vermutet Reisinger, sonst gäbe es weder den christlichen Glauben noch die Kirche.

Ein Anfang ist gemacht, der Weg aber noch weit

Im Tagungsraum – das spürten die Teilnehmer/innen deutlich – wehte der Geist der spirituellen Autonomie und eine Ahnung seiner Kraft. Was wäre das für eine Kirche, fragte eine Teilnehmerin, die in Zukunft auf die Autonomie setzt und dem Geist, dem Spiritus im Plural, viel mehr vertraut als den eigenen Regeln. Die Tagung sei erst der Anfang, der Weg noch weit, aber viele Seelsorger/innen und Gläubige seien schon unterwegs. Da waren sich die Teilnehmer/innen einig.

Die Tagung war eine Kooperationsveranstaltung der Akademie, der Hauptabteilung IV Pastorale Konzeption, der Seelsorge für die Seelsorgenden und des Diözesanrats. Unter Corona-Bedingungen fand sie zweimal statt.