Sterben lernen heißt leben lernen

Dies hat Bischof Gebhard Fürst am Mittwoch beim Friedhofstag in Reutlingen betont. In einem Vortrag mit dem Titel „Ars modiendi“ – auf deutsch: „Die Kunst des Sterbens“ – formulierte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart „Perspektiven zu einer Kultur des Lebens, Sterbens und Todes“. Die Grundüberzeugungen der Menschen im Umgang mit Tod und Trauer, so Bischof Fürst, fänden in den Bestattungsbräuchen ihre „Inkulturation“. Daher seien auch Friedhöfe „immer Ausdruck der Kultur ihrer Zeit“.

Die Einstellung zum Tod, so Bischof Fürst, habe sich in den letzten Generationen grundlegend verändert. Sei das Bewusstsein der allgegenwärtigen Sterblichkeit früher selbstverständlich gewesen, so sei die heutige Lebenswirklichkeit bestimmt von Vitalität und Dynamik. Dies zeige sich auch „in einer geradezu panischen Angst, etwas zu versäumen und irgendwelche Lebensmöglichkeiten ungenutzt zu lassen“. Trauer über den Tod von Angehörigen sei nicht mehr öffentliche Angelegenheit der gesamten sozialen Umgebung, sondern werde privatisiert. Und der eigene Tod werde zumeist verschwiegen und verdrängt.

Er werde „so lange und so effizient wie möglich aus dem Leben ausgeschlossen“. Wenn sich der Tod nicht abschaffen ließe, so solle er „wenigstens zu unseren Bedingungen eintreten“, zeichnete der Bischof die weithin verbreitete Einstellung. Dem „Selbstdenkertum der Aufklärung“ folge das „Selbstmachertum in allen Dimensionen unseres Lebens“. Die aktuelle Euthanasie-Diskussion sei dafür ebenso bezeichnend wie die medizinischen Bemühungen, sterbende Menschen mit allen Mitteln am Leben zu erhalten, oder das Ideal, jünger zu wirken, als man tatsächlich sei. „Wir investieren unglaublich viel, um den Tod zu verdrängen“, betonte Bischof Fürst.

Die „Unfähigkeit zu trauern“, ein individuelles und gesellschaftliches Phänomen, korrespondiere mit dieser Verdrängung des Sterbens und des Todes, sagte Bischof Fürst. Demgegenüber betonte er die Notwendigkeit von „Ritualen der Trauer“, die den Menschen helfen, das Erleben von Abschied und Verlust zu gestalten. Trauer sei „ein lebenswichtiger Mechanismus der Seele“. Bischof Fürst hob die besondere Bedeutung von Friedhöfen „innerhalb einer Kultur des Todes“ hervor. Sie seien „öffentliche Zeugnisse der Sterblichkeit, der Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus und der Verbundenheit der Lebenden mit den Toten“.

Die Totenruhe sei „ein wesentliches Kulturgut der abrahamitischen Religionen“, des Judentums, der Christentums und des Islam. Die Bestattung sei „Ausdruck der Überzeugung oder auch der Ahnung, dass der Mensch mit dem leiblichen Tod nicht einfach ins Nichts eingeht und aufhört, als Person zu existieren, sondern zu seiner Bestimmung gelangt in der unmittelbaren Begegnung mit Gott“, betonte der Bischof. Wer eine anonyme Bestattung wünsche, müsse zumindest wissen, „dass dies mit dem christlichen Glaubenswissen um die unsterbliche Personalität des einzigartigen Menschen nichts zu tun hat“. Dieser Glaube sei „eine der Säulen unserer humanen Kultur“.

Die Todesvorstellung seien in der heutigen Gesellschaft sehr verschieden, erläuterte Bischof Fürst. Umfragen zufolge sei für mehr als Hälfte der Menschen „mit dem Tod alles aus“. Andererseits gewännen Reinkarnationsvorstellung zunehmend an Faszination. „Vermutlich“, so interpretierte er die statistischen Ergebnisse, komme die Vorstellung der Reinkarnation „einem bürgerlich-neuzeitlichen Denken ‚Irgendwie geht immer alles weiter’ eher entgegen als die jüdisch-christlich tradierte Vorstellung eines einmaligen, endlichen und damit sehr begrenzten Lebens, in der alles mögliche Gelingen und Versagen auf ein einziges Leben geladen ist“.

Die „Ars moriendi“, die Kunst des Sterbens, seine eine „Kunst, die an der Zeit ist“, forderte Bischof Gebhard Fürst. Sie lebe aus der christlichen Hoffnung, „dass das Gedächtnis unseres Gottes uns nicht vergisst“ und dass eine Heimat gebe, die Reich Gottes heiße und die eine Heimat für alle Menschen sei, auch für diejenigen die im Leben zu kurz gekommen oder gescheitert seien. Diese Hoffnung lebe aber auch aus der Beziehung „zu Menschen und um der Menschen willen zu jenem Du, das unsere Zukunft ist, das auf uns zukommmt“.

In der „Ars moriendi“ sei die Beziehung von zentraler Bedeutung. Bischof Fürst wies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der Hospizbewegung und auf die stationären Hospize hin - „Häuser zum Leben und zum Sterben“, wie er sagte. Die doppelte Bedeutung einer Kunst des Sterbens werde, so der Bischof, in dem Nachruf „Lebe wohl“ deutlich. Dieses Wort weise auf den Abschied ebenso wie auf ein gelingendes Leben hin. Das „carpe diem“ und das „memento mori“ gehörten zusammen: „Nutze den Tag und gedenke, dass du sterblich bist“. Es gehe um eine „Kultur des Sterben- und damit auch des Lebenlernens“. Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Sterben und Tod nannte Bischof Fürst ein „wirksames Heilmittel gegen menschliche Allmachtsphantasien“. „Es geht darum“, schloss Bischof Fürst, „durch Sterben und Tod zu lernen, wie sich wohl leben lässt. Sterben ist Lebensaufgabe des Menschen – die große Aufgabe, die uns bis zuletzt bleibt. Die Zeit, die wir dazu brauchen, ist Lebenszeit.“

Der vollständige Text des Vortrags kann hier abgerufen werden.