Umbruch und Krise der postmodernen Gesellschaft ist eine Chance

Auf einem gemeinsamen Symposion der Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät, der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der beim Katholischen Bildungswerk der Diözese angesiedelten „ETHOS.Agentur Lebenskunst und globaler Wandel“ am Samstag in Tübingen sprach der Bischof davon, der heute von vielen als „dramatisches Defizit“ empfundene Ausschluss von Christentum und Kirche aus der Öffentlichkeit und das gleichzeitige Wiedererwachen religiöser Bedürfnisse in der heutigen Gesellschaft könne Zeichen eines Neuanfangs sein. Er bezeichnete diese Situation als einen „Kairos der Transformation“, „der Ethik, Spiritualität und Bildung gleichermaßen beeinflusst und auf heilsame Weise bereichert, befruchtet und inspiriert“. Dabei richte sich der „Ruf durch Krise und Umbruch“ auch an die Kirche, sich zeitgemäß zu verändern und sich als dialogbereit zu erweisen.

Man müsse, so der Bischof, die vielfältigen Formen von Religiosität bei den heutigen Menschen wahrnehmen, wolle man „auf der Höhe der Zeit“ sein. Ein kürzlich durch die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichter „Religionsmonitor“ weise gerade auch bei jungen Menschen ein ausgeprägtes religiöses Interesse nach, das sich auf die gesamte Lebensgestaltung auswirke. So widme sich jeder zweite der sich als religiös bezeichnenden Menschen einer freiwilligen und unbezahlten Aufgabe. Der „Aufbruch von Religiosität aller Schattierungen“ signalisiere die Unzufriedenheit „mit dem bloß Vorhandenen“ und zeige eine Suche nach „Sinnstiftung“ im Leben an.

Christliche Verkündigung müsse an diesem Suchen anknüpfen und die Bedürfnisse der Menschen sorgsam aufgreifen, „Gestimmtheiten des Unerlöstseins“ aufspüren und erlösungsbedürftige Lebensumstände kritisch zur Sprache bringen. Sie müsse einer „eher diffus wabernden Religiosität“ eine „klare Kultur aus christlichem Geist“ anzubieten. Die postmoderne Gesellschaft benötige sowohl „Klarheit über eigene Standorte und Ausgangspunkte“ als „auch Inspiration und Mut für innovatives Denken“, betonte Bischof Fürst. Die inspirierende Botschaft des Christentums und seiner spirituellen Werte gebe eine Handlungsorientierung, die sich an Vernunft und Freiheit richte und „freiheitsschonender als restriktive Normen“ sei. Diese Werte seien „Lebensquellen“, die „der sorgsamen und verantwortungsvollen Pflege“ bedürften.

Das Christentum erschöpfe sich nicht in der „kulturellen Funktion, Zeiten zu gliedern und das Leben zu deuten“, sondern habe es „mit dem lebendigen Gott selbst zu tun“, so Bischof Fürst. Diesen lebendigen Bezug zu Gott brauche die Gesellschaft „auch in Zukunft, jenseits aller Krisen, aller Umbrüche und Transformationen“. Denn nur wo für die Menschen „der Himmel offen sei“, seien sie wirklich frei. Sonst seien sie in Gefahr, in „egoistischen Konsumwelten“ gefangen zu bleiben, deren Langeweile ihnen oft erst später bewusst werde. Ebenso seien sie in Gefahr, totalitäre Lösung zu suchen, „wenn einmal ein wirklich tief greifendes Problem und eine alle Oberflächlichkeiten beiseite schiebende Krise zu bewältigen“ sei, sagte der Bischof.