Umgang mit Hinweisen auf sexuellen Missbrauch im Bereich der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Rückhaltlose Aufklärung, Gerechtigkeit für die Opfer und Bestrafung der Täter sind für Bischof Gebhard Fürst die Grundvoraussetzungen für einen angemessenen Umgang mit Vorwürfen und Vorkommnissen sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Allerdings, so Bischof Fürst, müsse man auch Beschuldigte vor öffentlichen Vorverurteilungen schützen. Für sie gilt bis zur erwiesenen Feststellung ihrer Schuld im weltlichen wie im kirchlichen Recht die Unschuldsvermutung.

Zum öffentlichen Umgang mit neuen Hinweisen

Seit die Diözese Rottenburg-Stuttgart gegenüber den Medien die Zahl der bis dahin bekannten und durch die Kommission Sexueller Missbrauch aufgearbeiteten Anzeigen offengelegt hat, sind weitere Hinweise bei ihr eingegangen, die in den allermeisten Fällen viele Jahre bzw. Jahrzehnte zurückliegen. Alle Hinweise werden der Kommission Sexueller Missbrauch nach dem seit 2002 bestehenden Verfahren zur weiteren Klärung vorgelegt.

Da es sich bei diesen Hinweisen teilweise um anonyme Anzeigen handelt, teilweise um Beschuldigte, die nicht in die rechtliche Zuständigkeit des Bischofs fallen und daher an die zuständigen Stellen weitergeleitet werden müssen, macht die Diözese zur Anzahl der Hinweise derzeit keine konkreten Angaben, bevor sich die Kommission damit befasst und über das weitere Vorgehen beraten hat. Nach der nächsten Sitzung der Kommission Sexueller Missbrauch am 18. März wird diese die Öffentlichkeit informieren.

Verfahrensweisen in Verbänden, Internaten und Schulen im Bereich der Diözese

Bischof Gebhard Fürst weist der Aufarbeitung von Vorkommnissen des sexuellen Missbrauchs und der Anwendung von Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen höchste Priorität zu. So hat er den Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e. V. und den Caritasverband Stuttgart e. V. angewiesen, die bischöflichen Regularien von 2002 auch in ihrem Zuständigkeitsbereich umzusetzen bzw. ein entsprechendes Regelwerk zu installieren, um ein möglichst umfassendes Bild von eventuellen Vorkommnissen in den karitativen Einrichtungen unter ihrem Dach zu bekommen. In gleicher Weise hat er sich auch an den Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und an den katholischen Verband für Leistungs- und Breitensport DJK in der Diözese Rottenburg-Stuttgart gewandt. Die Leitungsverantwortlichen in den kirchlichen Internaten der Diözese wurden angewiesen, die Geschichte ihrer Institutionen auf eventuell vorhandene Hinweise zu untersuchen und diese ggf. zu melden. Ebenso sind die Schulleiterinnen und Schulleiter der rund 90 katholischen Schulen damit befasst, entsprechende Überprüfungen in ihren in der Regel noch jüngeren Schulen und Bildungszentren vorzunehmen.

Aufarbeitung der Geschichte der Heimerziehung

Im Zusammenhang mit den Vorfällen sexuellen Missbrauchs werden häufig auch Missstände in der Heimerziehung der 1950 und 1960er Jahre diskutiert. Oft, aber keineswegs immer besteht ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Problembereichen. Bereits im November 2009 hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart gemeinsam mit dem Diözesan-Caritasverband ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Geschichte der Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren in der Diözese in Auftrag gegeben (s. dazu die Pressemitteilung vom 19. Januar 2010 unter www.drs.de unter der Überschrift „Blick in die Kinderheime der Nachkriegszeit“). Die Diözese will sich damit nach Aussage der Leiterin der Hauptabteilung Caritas, Dr. Irme Stetter-Karp, „verantwortungsvoll und proaktiv ihrer Vergangenheit stellen“. Über die wissenschaftliche Aufarbeitung hinaus ist es dabei auch ein Anliegen, mit Betroffenen in einen persönlichen Austausch über ihre Erfahrungen zu kommen. Die Kommission Sexueller Missbrauch und die für die Heimerziehung zuständige Hauptabteilung Caritas arbeiten bei der Klärung entsprechender Vorwürfe eng zusammen.

Umgang mit anonymen Hinweisen

Der mit den Ermittlungen beauftragte bischöfliche Mitarbeiter und die Kommission Sexueller Missbrauch sind für ihre Aufklärungsarbeit darauf angewiesen, dass sich Betroffene persönlich melden – selbstverständlich unter der Wahrung der Vertraulichkeit, sofern diese gewünscht wird. Die Kommission geht unabhängig von gesetzlichen Verjährungsfristen auch Vorkommnissen sorgfältig nach, die weit zurück reichen. Nicht möglich ist eine seriöse Aufarbeitung anonymer Anzeigen, die z. T. auch über Medien erfolgen. Hinweise können nur weiterbearbeitet werden, wenn die Absender sich zu erkennen geben. Sofern überhaupt die Möglichkeit eines indirekten Kontaktes etwa über Medien zu ihnen besteht, werden sie gebeten, ihre Identität preiszugeben und ihre Erfahrungen in nachvollziehbarer Weise mitzuteilen.

Ratgeberbroschüre in Vorbereitung

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart bereitet derzeit eine Ratgeber-Broschüre und begleitend dazu vertiefte Informationen im Internet vor.

 

Ansprechpartner für Hinweise:

Robert Antretter, MdB a. D.
Vorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e. V.
Tel. 07191/933097
Fax: 07191/933098
Mobil: 0172/2462240
eMail: robert.antretter(at)lebenshilfe.de

Frau Dr. Tanja Johner-Camaj
Tel.: 07472/169-750
Fax: 07472/169-83750
eMail: tjohner(at)bo.drs.de

Dr. Norbert Reuhs
Tel. 07472 /169-349
Fax: 07472/169 604
eMail: nreuhs(at)bo.drs.de


10. März 2010
Pressestelle der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Dr. Thomas Broch