Universitäre Theologie ist Fundamentalismusprophylaxe

Es gehe darum, so Bischof Fürst, die „sinnstiftenden Ressourcen der Religion“ für die Gesellschaft nutzbar zu machen und sie nicht zu deren Schaden verloren gehen zu lassen.

„Wie viel Christentum braucht die Universität?“ lautete die Frage, zu der die Professoren Rolf Schieder, Berlin, Herbert Müther, Prorektor der Universität Tübingen, sowie die Tübinger Ordinarien Andreas Holzem, Richard Puza und Friedrich Schweitzer unter der Moderation des SWR-Fernsehredakteurs Uwe Mönninghoff diskutierten.

Dass die Theologie das, was die moderne Wissensgesellschaft kennzeichnet, in Mittelalter und Neuzeit mit vorbereitet habe und dass sich das Christentum auch in Zeiten der Globalisierung zu einer „gesellschaftsprägenden Macht“ von großer Gestaltungskraft behauptet und neu formiert habe, war eine der Thesen im einführenden Statement des Tübinger katholischen Kirchenhistorikers Andreas Holzem. Die individuellen Nöte der Menschen als politisch relevante Probleme zu fokussieren sei eine der wesentlichen Aufgaben der universitären Theologie. Allerdings gehe es nicht nur um die Theologie an der Universität, sondern um die Vertretung des Christentums durch Christen an der Universität. Deshalb – so Holzems Vorlage für die Diskussionsrunde – müsse die Frage „Wie viel Christentum braucht die Universität?“ modifiziert werden durch die Frage „Welches Christentum braucht die Universität?“ Ein Rückzug in „sektenhaften Neokonservativismus“ könne es nicht sein, betonte Holzem und wendete das Veranstaltungsthema zu der These um: Wenn das Christentum seine Gestaltungskraft behalten solle, brauche es „sehr viel Universität“.

Rolf Schieder, Lehrstuhlinhaber für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Berliner Humboldt-Universität, griff diese Aussage Holzems in einem Plädoyer für die Berechtigung staatlich finanzierter katholischer und evangelischer theologischer Fakultäten auf und bezeichnete diese als „Fundamentalismusprophylaxe“. Der Staat trage dazu bei, gebildete Theologen in die Gemeinden zu entsenden. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen konfessioneller Anbindung und einer Auseinandersetzung „mit dem freien Geist universitärer Bildung“ sei „ausgesprochen hilfreich“.

Naturwissenschaften brauchten kein Christentum, betonte der Physiker Herbert Müther. Wohl aber sei es dringend notwendig, dass Christen Naturwissenschaften betrieben und ihre ethischen Positionen in den wissenschaftlichen Dialog einbrächten. Die Naturwissenschaften, so Bischof Fürst, müssten sich aber auch den Kriterien eines „Orientierungswissens“ stellen. Sie lieferten die theoretischen Grundlagen für ein technologisches Handeln, dass ohne eine religiöses und ethisches Orientierungswissen zu Katastrophen führen könne, die niemand wolle. Er bejahe, dass Naturwissenschaftler ideologiefrei arbeiten müssten. Aber er stelle auch fest, dass etwa Erwartungen im Bereich der embryonalen Stammzellenforschung „mit Heilsverheißungen aufgeladen“ würden, die die „naturwissenschaftliche Urteilsfähigkeit“ weit überschritten, allerdings durchaus die Lenkung staatlicher finanzieller Förderung zu ihren Gunsten beeinflussten. Es gehe nicht um ein Sonderinteresse der christlichen Kirchen. Diese seien nur „bei sich selbst“, wenn es ihnen um das Gemeinwohl gehe. Aber wenn ihr Beitrag ausfalle, dann fehle der Gesellschaft etwas für ihr Gelingen Wesentliches.

Trotz mancher Kontroversen im Einzelnen gab es bezüglich eines kritischen und zugleich konstruktiven Miteinanders von universitärer Wissenschaft und christlich – aber auch jüdisch und muslimisch - geprägter Religion Konsens: Die Frage nach den Zielen des Forschens und Handelns stelle sich für das Christentum ebenso wie für die Universität, deren Daseinszweck nicht nur in Excellence-Wettbewerben bestehen könnten. Die Universität sei ein ausgezeichneter Ort für einen kritischen Dialog darüber. Gerade die Naturwissenschaften – so Schieder – könnten helfen, den scheinwissenschaftlichen Anspruch „unserer deutschen Atheisten ein wenig in die Schranken zu verweisen“. Die Gesellschaft brauche, so Müther, das Christentum ebenso wie die Universität – das Christentum allerdings nicht als „Heilsanstalt“, so Holzem, sondern als „dynamische Gemeinschaft, die mit anderen zusammen auf dem Weg sei, um Lösungen für die Humanisierung unserer Gesellschaft zu entwickeln“. Fazit: Gesellschaft und Universität benötigen das Christentum; umgekehrt: „Je mehr gebildete Christen es gibt, desto besser für die Gesellschaft. Deshalb brauchen die Christen auch die Universität.“