Vertrauen ist im Angesicht des Todes das entscheidende Kriterium

Dies hat der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart am 14. Juni vor einem Forum von rund 70 Juristen in Ellwangen betont. Bischof Fürst ist zugleich Vorsitzender der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz.

Das Menschenbild des christlichen Glaubens betone, so der Bischof, menschliches Leben sei „ein überaus kostbares Geschenk in allen seinen Phasen – vom Beginn bis zu seinem natürlichen Ende“. Doch bleibe das Dilemma zwischen einer medizinischen Wissenschaft und ihren Mitteln, das Leben und damit auch das Leiden und Sterben eines Menschen zu verlängern, und dem Anspruch auf ein Sterben in Würde. Diese letzte Entscheidung müsse aus der individuellen Situation eines sterbenden Menschen heraus getroffen werden, der aber seine eigene Verantwortlichkeit angesichts einer Übermacht anderer Entscheidungsträger oft einbüße. In dieser Grenzsituation, so Bischof Fürst, gerate oft aus dem Blick, dass weder im Leben noch im Sterben des Menschen alles planbar sei. Autonomie werde oft gegen Fremdbestimmung ausgespielt, mutmaßliche Selbstbestimmung gegen vermeintliche Abhängigkeit in einer Pflegesituation. Ein „rigoroses Autonomie-Konzept“ biete aber „für den wirklich Schwachen keinen Schutz“, betonte Bischof Fürst. Aus christlicher Sicht dürften Autonomie und Fürsorge nicht gegeneinander ausgespielt werden. Zudem komme Autonomie nicht nur „dem gesunden, starken, entscheidungsfähigen Menschen zu, sondern auch dem kranken, schwachen und entscheidungsunfähigen Patienten“.

Die überarbeitete christliche Patientenverfügung setzt nach den Worten von Bischof Fürst stark auf die Vorsorgevollmacht. Bevollmächtigte sollen den mutmaßlichen Willen eines Patienten in dessen Sinne äußern und im dialogischen Prozess mit Ärzten, Pflegern und Angehörigen eruieren und durchsetzen. Kritischer Punkt ist dabei vor allem die Reichweite einer Patientenverfügung. Was gilt im Falle eines anhaltenden Komas oder einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung? Wachkoma-Patienten oder Demenzkranke, so der Bischof, seien Lebende, nicht Sterbende. Er plädierte im Namen der katholischen Kirche für eine Einschränkung der Reichweite von Patientenverfügungen auf irreversibel zum Tode führende Erkrankungen. Im Sinne eines „Ansatzes der Ganzheitlichkeit“, d. h. des „engen Ineinander-Greifens von Autonomie und Fürsorge am Lebensende“, komme der Mittlerschaft eines Bevollmächtigten oder eines Betreuers besonderes Gewicht zu. Bischof Fürst betonte die „explizite Stärkung der Vorsorgevollmacht“, verknüpfte damit aber auch den „Aspekt des Vertrauens, der für das dialogische Annähern an die Grenze des Todes von außerordentlicher Wichtigkeit“ sei.

Dr. Thomas Broch