Vom Lernort zum Lebensort

Der Lernort Schule unterliegt derzeit grundlegenden Wandlungsprozessen, die damit zusammenhängen, dass Schulen sich in zunehmendem Maße zu „Ganztagesbetrieben“ wandeln. Dies hat zur Folge, dass Lebensgestaltungselemente, die bisher dem familiären Umfeld bzw. dem Bereich Freizeitgestaltung zuzuordnen waren, nun fester Bestandteil des Schulalltags werden. Schule verändert sich vom Lernort zum Lebensort, in dem ein traditioneller Unterrichtszyklus den daraus erwachsenen neuen Ansprüchen, z.B. ein auf ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung zielenden Bildungsverständnis nicht mehr gerecht werden kann.

Kirche und Sport sind als zwei bedeutende gesellschaftsgestaltende Kräfte wichtige Partner für die Bildung von Kindern und Jugendlichen und damit auch für den schulischen Ganztagesbetrieb. Beide vermitteln durch ihr je unterschiedliches Bildungshandeln inner- und außerhalb der Schulen Kindern und Jugendlichen Werte wie Identität, Solidarität, Teamgeist, Bürgerengagement, Selbstverantwortung und Leistung.
Beim Jugendbegleiterprogramm des Landes Baden-Württemberg stellen unsere Organisationen, Verbände und Vereine aus Sport und Kirche gemeinsam 42% aller Jugendbegleiter. Durch dieses Engagement tragen wir mit unseren Angeboten nachhaltig und kostengünstig zu einer Vielfalt an Bildungsmöglichkeiten bei. Jedoch machen unsere Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit den Schulen auch deutlich, dass die Rahmenbedingungen in den Schulen so gestaltet werden müssen, dass sich außerschulische Partner mit ihren Angeboten noch besser in die Ganztagesbildung einbringen können. Dazu ist aus unserer Sicht notwendig:
- dass Schulen die Partner im Ganztag bei der Konzeptionserstellung mit einbeziehen und dass bessere Organisationsstrukturen geschaffen werden
- dass die zur Verfügung gestellten (finanziellen, personellen und materiellen) Ressourcen auch den Partnern zu gute kommen.
- dass Kirche und Sport gesicherte Zeiten für ihre Bildungsangebote bekommen
Aus unserer Sicht sind Zeiträume für außerschulische Aktivitäten und für eine non-formale Bildung unerlässlich. Kinder und Jugendliche müssen auch unter den Bedingungen eines Ganztagesschulbetriebs die Möglichkeiten haben, sich ihren Sozialraum zu erschließen, außerschulischen Aktivitäten nachzugehen, um andere Bildungsorte und Lernwelten zu erfahren. Ein verbindlicher Unterrichtsschluss um 16.00 Uhr, die Erledigung der Hausaufgaben während der regulären Unterrichtszeit und mindestens ein schulfreier Nachmittag pro Woche sind für den Fortbestand außerschulischer Bildung unerlässlich.

Dr. Gebhard Fürst,
Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Frank O. July
Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Klaus Tappeser
Präsident des Württembergischen Landessportbundes