Vom technisch Machbaren zum lebensdienlich Verantwortbaren

Dies hat der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, am Donnerstag im Haus am Dom in Frankfurt betont. Mit einem Vortrag zu dem Thema „Aufstehen für das Leben – von seinem Anfang bis zum Ende“ eröffnete er als Schirmherr eine dreiteilige Vortragsreihe des Vereins „Hilfe für Mutter und Kind“ mit dem Reihentitel „Lebenszeichen – Lebensentscheidung“.

Der Rottenburger Bischof, langjähriges Mitglied des Nationalen Ethikrats und Vorsitzender der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz, setzte sich kritisch mit der aktuellen Debatte um gesetzliche Regelungen der Sterbehilfe auseinander. Diese Debatte tendiere dazu, auf eine Ermöglichung von Tötung auf Verlangen oder aktive Sterbehilfe hinauszulaufen. Die Antwort der Christen auf das Sterben sehe anders aus, betonte Bischof Fürst. Das Argument der Selbstbestimmung müsse ergänzt werden durch die Erkenntnis, dass liebevolle Zuwendung zu einem Menschen in der schwächsten Phase seines Lebens durch nichts zu ersetzen sei. „Geliebt zu werden ist noch wichtiger als selbstbestimmt zu leben“, sagte der Bischof.

Auch mit dem Umgang mit dem Menschen am Anfang seines Lebens setzte sich der Bischof kritisch auseinander: Längst gebe es „eine lukrative Reproduktionsindustrie, die dazu führt, dass menschliche Lebewesen zur Handelsware werden“. Man müsse wachsam wahrnehmen, „dass der unzulässige Versuch unternommen wird, die Menschenwürde und das Lebensrechts embryonaler Menschen zugunsten ungedeckter Heilserwartungen zu opfern“, sagte Bischof Fürst. Und: „Wer Menschen im Keim zerstört, der hat keine Zukunft.“

Die Notwendigkeit, in den hoch komplexen wissenschaftlichen und politischen Fragen heutiger Wissenschaftsentwicklung durch Argumentation zu einem ethischen Konsens zu finden, dürfe nicht zur Beliebigkeit führen. Vielmehr müssten Wertentscheidungen getroffen werden; Machbarkeiten oder wirtschaftliche Standortfragen dürften nicht zur alleinigen Richtschnur werden, forderte Bischof Fürst. Mit ihrem Eintreten für die unantastbare Menschenwürde verfolge die Kirche keinen „nostalgischen Lebensbegriff, sondern eines der moralischen Grundprinzipien der Aufklärung“. Sie dürfe nicht aufgegeben werden, „weil wirtschaftliche oder technische Erwägungen der Machbarkeit uns dazu drängen wollen“, betonte der Bischof. Als „Leitprinzip des Fortschritts“ sei in der Biotechnologie und Medizin „eine Abkehr vom technisch Machbaren zum lebensdienlich Verantwortbaren“ erforderlich. Es müsse einen „kategorischen Imperativ“ geben, „stets die menschen- und lebensdienliche Perspektive im Auge zu behalten“, sagte Bischof Fürst.